Routine und Berufserfahrung schützen Sie nicht gegen Veränderungen
Jobverlust mit 50 - und dann?

Unterstellen wir einmal, Sie seien 50 Jahre alt oder gar leicht darüber und hätten soeben Ihren langjährigen Job verloren. Dafür kommen zwangsläufig die verschiedensten Gründe in Frage: Sind Sie einer Fusion zum Opfer gefallen, weil es schlagartig zwei kaufmännische Leiter gab? Hat die Chemie zum neuen Geschäftsführer oder Vorstand nicht mehr gestimmt? Haben Sie sich womöglich in einem internen Machtkampf etwas zu weit vorgewagt? Oder haben Sie - Hand aufs Herz - zu lange geglaubt, dass Ihre Routine und Berufserfahrung in Ihrer angestammten Funktion Sie gegen Veränderungen des Anforderungsprofils ausreichend schützten?

Je nach Ausgangssituation stehen für Sie jetzt unterschiedliche Schularbeiten an. Bitte denken Sie daran: Ihr Lebenslauf kann noch so stromlinienförmig und fachlich ausgezeichnet sein, Sie haben keine Chance, wenn Sie aus jedem Knopfloch Ihren noch nicht verarbeiteten Frust über den aus Ihrer Sicht natürlich immer ungerechten Arbeitsplatzverlust ausstrahlen. Also müssen Sie, so unangenehm es auch sein mag, vor der ersten Bewerbung für sich herausfinden, warum man sich letztlich von Ihnen getrennt hat: Waren es die lange vernachlässigten Fremdsprachenkenntnisse, die nach der Übernahme durch eine ausländische Muttergesellschaft relevant wurden? Oder galten Sie als derjenige, der immer, wenn es um anstehende Veränderungen ging, den Eindruck vermittelt hat, dass Sie dafür keine Notwendigkeit sehen? Auf diese Weise wird man zum älteren Arbeitnehmer, der mit seinem konkreten Verhalten sein Alter noch übertrifft und irgendwann von den jüngeren Kollegen als der ewig Gestrige nicht mehr ernst genommen wird.

Viele ältere Führungskräfte haben mit oder gerade wegen all ihrer Erfahrung irgendwann aufgehört, neugierig zu sein, ein Fehler, der in der heutigen Zeit deutlich härter bestraft wird, als das noch vor fünf Jahren der Fall gewesen wäre. Hinzu kommt, dass die besonders Etablierten keine Erfahrung mehr im Umgang mit Niederlagen haben. Aus Angst, die in vielen Jahren aufgebaute Fassade (die irgendwann mal mit Substanz gefüllt war) könnte Schaden leiden, blockten sie noch mehr ab; und zu irgendeinem Zeitpunkt ist der Gesichtsverlust tatsächlich einer, der kaum noch zu reparieren ist.

Mit diesen Einschränkungen geht der Bewerber - und das ist er nun einmal am Anfang - in den Suchprozess um eine neue Position und macht gleich Fehler. Da hört man bereits im Anschreiben das Beleidigtsein ob der erfahrenen Missachtung der eigenen Qualitäten heraus. Als nächstes wird von dem Wunsch "nach einer neuen Herausforderung" gesprochen, deren Fehlen in den vergangenen zehn Jahren - das beweist der Lebenslauf - keine Rolle gespielt hat. Gleichzeitig bewirbt sich diese Führungskraft auf Positionen, die man nun beim besten Willen nicht mehr als "Herausforderung" bezeichnen kann. Und schließlich findet der Berater (oder Personalchef) den Hinweis, dass der Bewerber 51 Jahre "jung" und "gesundheitlich topfit" ist. Spätestens dann steht auf den Bewerbungsunterlagen von meiner Seite ein "No", sofern es sich nicht um den ausgefallenen Spezialisten handelt, den ich gerade verzweifelt suche. Werden diese Fehler nicht schon im Anschreiben gemacht, führt eine angenehme und zugewandte Gesprächsführung im nachfolgenden Interview oft dazu, dass der Bewerber seinen gesammelten Frust voll zum Ausdruck bringt. Da wundert sich der Kandidat über Ungerechtigkeiten und fehlende adäquate Angebote für ihn.

Sehen Sie den Verlust des Arbeitsplatzes und die damit erzwungene Notwendigkeit, sich beruflich neu zu orientieren, doch wenigstens teilweise als Chance an. Eine Chance allemal, eine Bestandsaufnahme dessen zu machen, was Sie eigentlich bisher in Ihrem Job und/oder in Ihrer Firma gehalten hat. Vielleicht haben Sie ja seit Jahren im falschen Einsatzgebiet gearbeitet und hatten nur zu viel generationsbedingtes Pflichtbewusstsein, so dass Sie sich die Frage, ob Sie sich wohl fühlen, gar nicht erst gestellt haben. Was können Sie denn besonders gut, und von was sollten Sie immer noch oder endlich die Finger lassen? Gab es zu irgendeinem Zeitpunkt in Ihrem Leben einmal so etwas wie berufliche Träume? Und was ist daraus geworden? Können Sie nicht wenigstens einen Teil davon wieder beleben? Was sind Ihre herausragenden Eigenschaften, und an welche Werte glauben gerade Sie in besonderem Maße? Stellen Sie sich endlich die Frage, was Sie von dem Ihnen vertrauten Umfeld gerne behalten oder in einem anderen betrieblichen Umfeld wiederfinden möchten, weil es für Ihr (berufliches) Wohlbefinden wichtig ist, und was Sie immer schon gerne verändern wollten.

Desillusionierung mag ein relatives Privileg des Alters sein, nur bringt es Sie in Ihrer speziellen Situation keinen Millimeter weiter, und es stützt gleichzeitig die (Alters)Vorurteile Anderer. Erwartet werden von einem Kandidaten Ihres Alters gewachsene Überzeugungen, aber auch Offenheit dafür, bisherige Erfahrungen und (Vor)Urteile immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Wichtig ist spürbare Neugier auf das, was das Arbeitsleben noch bereit- halten mag und nicht zuletzt der Umgang mit den schon längst nicht mehr neuen Medien - vor allem dahingehend, dass einem noch so guten Kandidaten heute nicht mehr verziehen wird, wenn er keine Firmeninformationen des einladenden Unternehmens aus dem Internet abgerufen und diese als Gesprächsvorbereitung genutzt hat.

Es gibt eben immer noch einiges zu tun, packen Sie es an...

Die Autorin
Diplom-Pädagogin; 7 Jahre im Finanz- und Rechnungswesen eines Computer-Konzerns
8 Jahre Beraterin bei der Bundesanstalt für Arbeit;
8 Jahre Personalmanagerin/Personalberaterin in zwei internationalen Wirtschaftsprüfungs- und nternehmensberatungsgesellschaften mit den Schwerpunkten Personalentwicklung und Personalberatung.
Seit 1995 Partnerin/geschäftsführende Gesellschafterin von
Dr. Heimeier & Partner , Frankfurt.

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