Rowohlt-Verlag fürchtet wirtschaftliche Einbußen
Lehrerverband fordert Abkehr von Rechtschreibreform

Der Streit um die Rechtschreibreform hält an. Am Wochenende sprach sich der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, für eine partielle Rückkehr zur alten Rechtschreibung aus. Dagegen sagte der Berliner Schulsenator Klaus Böger, in Berlins Schulen werde weiterhin die neue Schreibweise vermittelt. Auch der Chef des Rowohlt-Verlages forderte die Beibehaltung der Reform.

ap FRANKFURT/MAIN. Kraus sagte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die Rechtschreibreform sei nicht eindeutig und habe viele Geburtsfehler. Den Unterschied zwischen "Doppel-S" und scharfem "S" könne man Schülern vermitteln, sagte Kraus. "Völlig wirr" sei dagegen die Zusammen- und Getrenntschreibung. "Da blickt auch der erfahrene Deutschlehrer nicht mehr durch. Da würde ich sagen: Zur alten Regelung zurück!" Er forderte auch eine "verbindlichere und exaktere Kommasetzung". Noch viel ärgerlicher sei aber, dass die Schulen etwas lehrten, was über kurz oder lang außerhalb der Schule niemand mehr praktizieren werde.



Schulsenator gegen eine Rücknahme



Schulsenator Böger sprach sich gegen eine Rücknahme der Reform aus. "Wir pflegen nicht Beschlüsse der Kultusministerkonferenz zurückzunehmen, nur weil eine bedeutende Tageszeitung wieder zur alten Schreibweise zurückkehrt", sagte der SPD-Politiker im Radiosender berlin aktuell . Die Unterschiede zwischen alter und neuer Rechtschreibung seien "nicht so riesenhaft". Es sei auch klar, dass parallele Schreibweisen möglich seien, sagte Böger.



Wirtschaftliche Einbußen bei Verlagen



Rowohlt-Chef Peter Wilfert wies im Deutschland-Radio Berlin darauf hin, dass eine Rückkehr zur alten Schreibweise für die Verlage wirtschaftliche Einbußen bringen würde. Vor allem die Schulbuch-Verlage hätten bereits einmal ihr komplettes Angebot umstellen müssen. "Das ein zweites Mal zu tun, wäre kontraproduktiv", sagte Wilfert. "Das würde in die siebenstelligen Summen gehen."



Reich-Ranicki gegen Reform



Dagegen will Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki keinen Klassiker in neuer Rechtschreibung lesen. "Literatur und Rechtschreibung, das hängt schon zusammen", sagte der Kritiker der "Bild"-Zeitung. Er beklagte sich über die "chaotische Reform", die nicht konsequent sei und allerlei "sinnlose und überflüssige" Schreibweisen" einführe. Vor allem die Frage der Getrennt- und Zusammenschreibung sei nicht richtig gelöst. "Es müssen so schnell wie möglich Leute berufen werden, die diese Rechtschreibungsproblematik in Ordnung bringen", forderte Reich-Ranicki.



Ministerpräsident Vogel: Debatte nebensächlich



Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel sieht die Rechtschreibdebatte als nebensächlich an. Schlimmer sei die "schreckliche Verhunzung der deutschen Sprache" vor allem durch Anglizismen, sagte Vogel im MDR. "Dass niemand sich zu Wort meldet, dass die deutsche Sprache gepflegt gehört, halte ich für viel aufregender als die entsetzlich wichtige Frage, ob wir 'dass' mit zwei 's' oder mit 'ß' schreiben."



Mehrheit der Deutschen will Rücknahme



Umfragen zufolge will die Mehrheit der Deutschen eine Rücknahme der Reform. Nach einer dimap-Umfrage sprachen sich 60 % der 1 100 Befragten für eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung aus, einer Forsa-Umfrage zufolge sollen es sogar 68 % sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%