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Rubbeln für den Fiskus

Wer in ein Restaurant essen geht, der muss dafür bezahlen. Das gilt auch in China. Doch in Peking fällt etwas auf: Die meisten Gäste werden gar nicht blass beim Blick auf die Rechnung, viele fiebern regelrecht nach der Zahlungsaufforderung zum Ende der Reistafel.

Wer in ein Restaurant essen geht, der muss dafür bezahlen. Das gilt auch in China. Doch in Peking fällt etwas auf: Die meisten Gäste werden gar nicht blass beim Blick auf die Rechnung, viele fiebern regelrecht nach der Zahlungsaufforderung zum Ende der Reistafel. Die Lust am Bezahlen - eine der neuen chinesischen Tugenden? Mit Sicherheit nicht. Der Grund ist ein anderer. In China kann man als Kneipenkunde schnelles Geld gewinnen. Bis zu mehreren Hundert Euro sind da drin.
Dahinter steckt eine pfiffige Idee der Finanzbehörden. Die ärgerten sich seit Jahren, dass Hotels, Kneipen und Restaurants immer wieder die fällige fünfprozentige Umsatzsteuer "vergaßen". So kam etwa vor zwei Jahren in Peking ans Licht, dass die beiden Ketten McDonalds und KFC in Peking 76 Prozent aller Steuern der örtlichen Fast-Food-Industrie bezahlten. Das macht schon stutzig, denn in der Hauptstadt gibt es kaum eine Straßenecke, wo es nicht vor vielen und gut besuchten Nudel-Bars wimmelt. "Entweder drei Viertel der Pekinger essen nur westliches Fast Food, oder da werden die Umsatzzahlen mächtig eingekocht", lautetet so das spöttische Fazit eines Magazins.

Wir kennen das ja. Die Gastronomie gilt schließlich auch in Deutschland als - umschreiben wir es freundlich - Grauzone bei der ordentlichen Versteuerung der Umsätze. Vielleicht sollte Finanzminister Eichel also ruhig einmal die Idee aus dem fernen Peking prüfen. Warum könnte nicht auch in Deutschland ein Rubbel-Los zum Dessert die (meist gesalzene) Rechnung versüßen und zugleich die chronisch leere Staatskasse füllen? Doch wahrscheinlich gibt es wieder unzählige rechtliche Hürden in Deutschland, warum Minister Eichel nicht so einfach Lotto-Fee spielen darf.

Anders in Peking. Hier müssen nun seit zwei Jahren die Gastronomen vorgedruckte Quittungsbelege beim Finanzamt kaufen. Auf jedem ist ein Los als Rubbelfeld zu finden. Kleine Gewinne muss das Restaurant gleich an den Kunden auszahlen (der Betrag wird vom Fiskus erstattet), größere Gewinne gibt es direkt vom Finanzamt. Meist verkündet jedoch ein freigelegtes "Thank You", dass man eine Niete gezogen hat.

Dennoch kann sich der Effekt sehen lassen. Nach Angaben der Pekinger Behörde wurden im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Rubbellos-Rechnungen ausgegeben. Die Steuereinnahmen in der Gastronomie- und Unterhaltungsbranche hätten sich wegen der neuen Quittungen um eine Milliarde Yuan erhöht, lautet die stolze Bilanz. Denn an Gewinnen wurden nur knapp 42 Mill. Yuan ausgezahlt.

Solch ein Erfolg spricht sich herum. In der Provinz Shandong hat im vergangenen Jahr mit dem Fiskus-Lotto die Gastronomen-Steuer um gut ein Drittel zugelegt, wird gemeldet. In der Region Xinjiang lassen inzwischen vier Städte rubbeln. Und in Peking hat sich die Zahl der Gastronomie-Rechnungen gegenüber dem ersten Rubbellos-Jahr 2003 schon mehr als verdreifacht. Da lacht der Fiskus.

Und die Gastronomen knirschen mit den Zähnen. Sie rücken in Peking eine offizielle Rechnung mit Rubbel-Los meist nur auf Nachfrage der Gäste heraus. Da die Chinesen aber das (offiziell verbotene) Glücksspiel so sehr lieben, lässt sich kaum einer die neue Gewinnchance entgehen. So fängt in Peking für Kneipenbesucher der Spaß erst richtig beim Bezahlen an. Im Namen des Fiskus.


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