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Rückblick 2004: Vioxx-Skandal wirft Schatten auf Pharmabranche - US-Wahlkampf

Die Pharmabranche hat in diesem Jahr mit dem Debakel um den weltweiten Verkaufsstopp des Rheumamedikaments Vioxx für Negativschlagzeilen gesorgt.

dpa-afx FRANKFURT. Die Pharmabranche hat in diesem Jahr mit dem Debakel um den weltweiten Verkaufsstopp des Rheumamedikaments Vioxx für Negativschlagzeilen gesorgt. Auslaufende Patente, der teils fehlende Nachschub an umsatzstarken neuen Produkten, die Diskussion um die Kostensenkungen im Gesundheitswesen und die Unsicherheit vor der US-Präsidentenwahl im November haben der Branche zudem ein wechselhaftes Jahr beschert.

Im Anschluss an den Verkaufsstopp des ehemals milliardenschweren Umsatzträgers Vioxx durch den US-Pharmakonzern Merck & Co sind die Pharmaindustrie und die US-Gesundheitsbehörde FDA ins Zentrum der Kritik geraten. Denn der Merck-Schock hat alte und neue Fragen über Nebenwirkungen und die Unabhängigkeit nationaler Gesundheitsbehörden bei der Zulassung neuer Medikamente aufgeworfen: "Merck wird beschuldigt, die schweren Vioxx-Nebenwirkungen schon früher erkannt und verheimlicht zu haben, die Pharmaindustrie wird beschuldigt, für schnelles Umsatz- und Gewinnwachstum die Medikamente zu wenig sorgfältig auf Nebenwirkungen zu prüfen und die US-Gesundheitsbehörde FDA soll zu unkritisch und zu industriefreundlich die Medikamentenzulassungen erteilen", resümieren die Analysten der Bank Vontobel.

Weitere Pharmahersteller Geraten IN DIE Kritik

Die Diskussion erreichte einen ersten Höhepunkt mit der Vioxx-Anhörung im US-Senat Mitte November. Mit seinen Äußerungen stiftete FDA Associate Science Director David Graham große Unsicherheit innerhalb der Branche: Mindestens bei fünf zugelassenen Medikamenten müsse geprüft werden, ob diese aus Sicherheitsüberlegungen wirklich zugelassen sein dürfen. Namentlich nannte er den Cholesterinsenker Crestor von Astrazeneca , das Asthmamedikament Serevent von Glaxosmithkline , das Schmerzmittel Bextra von Pfizer , den Appetitzügler Meridia von Abbott Laboratories sowie das Aknemedikament Accutane von Roche . Seither hat sich die FDA von Grahams Aussagen distanziert, und die betroffenen Firmen haben ihren Standpunkt klargemacht.

Grund für den Vermarktungsstopp des Schmerzmittels Vioxx (Wirkstoffklasse: COX-2-Hemmer), das dem US-Pharmakonzern Merck & Co 2003 einen Umsatz von 2,5 Mrd. Dollar in die Kassen spülte, war eine Studie, in der eine Verdoppelung von Herzattacken und Schlaganfällen bei einer Einnahme von mehr als 18 Monaten nachgewiesen wurde. "Das lässt wieder Befürchtungen laut werden, dass sich die Zulassungszeiten seitens der FDA in Zukunft weiter verzögern werden", sagte Fondsmanager Markus Manns von Union Investment.

Chiron Liefert Zusätzliche Negativnachricht

Kurze Zeit nach dem Vioxx-Schock belastete der Produktionsstopp für den Grippeimpfstoff Fluvirin des US-Biotechunternehmens Chiron erneut die Stimmung in der Branche. Wegen der Bedeutung für die Versorgung der US-Bevölkerung mit dem Grippeimpfstoff wurde Chiron sogar zum Thema im US-Präsidentschaftswahlkampf. Nach einer kurzen Erholung der gesamten Pharmaindustrie - im Anschluss an den Sieg von George W. Bush - hat sich die Branche in diesem Jahr nach Aussage von Branchenbeobachtern entgegen den Erwartungen schlechter als der Gesamtmarkt entwickelt.

Übernahmekampf und Gerichtlicher Streit UM Festpreisregelung

Doch nicht nur Vioxx bewegte die Branche: Anfang des Jahres rückten die Pharmawerte wegen des feindlichen Übernahmeangebots von Sanofi-Synthelabo in Höhe von fast 50 Mrd. Euro für den deutsch-französischen Pharmakonzern Aventis ins Blickfeld. Mit mehrseitigen Zeitungsanzeigen warben die beiden Unternehmenschef Jean-Francois Dehecq und Igor Landau um die Zustimmung der Aktionäre. Während Dehecq im monatelangen Tauziehen in dem Übernahmekampf eine Nachbesserung des ursprünglichen Angebots lange ablehnte, bezeichnete Aventis-Chef Landau das Angebot als "Überfall". Ende April bekam Sanofi mit Hilfe der französischen Regierung in dem Milliardenpoker den Zuschlag für Aventis. Die gebotene Summe lag mit 55,3 Mrd. Euro deutlich über der bisherigen Offerte. Der Konzern wurde Sanofi-Aventis getauft.

In Deutschland sorgte die Diskussion um die Eingruppierung patentgeschützter Medikamente in so genannte Festpreisgruppen zusammen mit billigeren Generika für Wirbel: Immer mehr Pharmakonzerne gehen auf juristischem Weg gegen die neue Festpreisregelung vor. Denn bei den Konzernen geht es um viel Geld: Alleine bei Pfizer ist der betroffene Cholesterinsenker Sortis mit geschätzten 370 Mill. Euro Umsatz in Deutschland in diesem Jahr nach 413 Mill. Euro im Vorjahr der Marktführer. Weltweit wird es Lipitor (US-Name) nach Analystenschätzungen in diesem Jahr auf einen Umsatz von mehr als zehn Mrd. Dollar bringen, und damit ist das Medikament das Mittel mit den weltweit höchsten Umsätzen.

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