Rückblick
Olympia 2004: Enttäuscht, betrogen und versagt

Viele deutsche Athleten blieben bei den Spielen in Athen unter ihren Möglichkeiten. Doch es gab auch positive Überraschungen.

HB DÜSSELDORF. Gut drei Monate nach dem Ende der Olympischen Spiele in Athen erlebt die deutsche Mannschaft ihr letztes Fiasko. Den Springreitern wird am 3. Dezember die Goldmedaille aberkannt. Das Pferd von Ludger Beerbaum war zwar nicht gedopt, aber Reiter und Arzt hatten versäumt, eine Medikamentenbehandlung anzumelden. Beerbaum wurde disqualifiziert, und die Mannschaft rutschte auf den dritten Platz ab.

Noch eine Goldmedaille weniger, stöhnte die Sportnation, die bei Olympia 2004 das Leiden lernte. Triumphe im Schwimmbecken? Fehlanzeige. Medaillen in der Leichtathletik? Magere zwei aus Silber, bei 77 angetretenen Athleten. Wo war der Siegeswille, fragten sich die Zuschauer. Können sich die deutschen Sportler nicht mehr richtig quälen? Gemeint war unter anderem mal wieder Radprofi Jan Ullrich, der im Zeitfahren und Straßenrennen bitter enttäuschte.

Doch zum Glück gibt es ja noch die vermeintlichen Randsportarten. Und so retteten die Kanuten und Kajaken, die Judoka und Schützen und die Ruderer den deutschen Sportsgeist und den sechsten Platz im Medaillenspiegel. Und freudige Überraschungen gab es sogar auch noch: etwa die Goldmedaillen der Hockey-Damen, der Trampolinspringerin Anna Dogonadze und der 42-Jährigen Kanutin Birgit Fischer. Oder die Silbermedaille der Radfahrerin Julia Arndt. Viele Sympathien sammelte auch der erst 17-jährige Fabian Hambüchen. Der "Professor" gewann zwar keine Medaille, turnte sich aber im Reckfinale in die Herzen der Zuschauer und brachte dem Sport in Deutschland neuen Schub.

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Leider wollten diese Erfolge nicht viele Zuschauer sehen. Denn auch das war Olympia: In den Wettbewerben, in denen die hellenischen Athleten chancenlos waren, blieben die Ränge häufig leer. Dagegen feuerten die Griechen ihre erfolgreichen Landsleute mit rasendem Enthusiasmus an. Da wurde es auch schon mal unsportlich. So wird das gellende, minutenlange Pfeifkonzert, das das Finalrennen über 200 Meter der Herren verzögerte, in die Olympiageschichte eingehen. Die Zuschauer brachten damit ihren Unmut über die Dopingsperre ihres Stars Kostas Kenteris zum Ausdruck und verdarben sich viele Sympathien bei Sportlern und Fans aus anderen Ländern.

Dabei hätten die Zuschauer eigentlich mucksmäuschenstill sein müssen. Denn die abenteuerliche Flucht vor Dopingkontrollen von Kenteris und Sprinterin Ekaterina Thanou eskalierte in Athen zur Staatsaffäre. Das griechische Olympiateam geriet unter Generalverdacht, als auch noch Gewichtheber Leonidas Sabanis erwischt wurde. Die Gewichtheber und das Doping sorgten bei den XXVIII. Spielen ohnehin für negative Schlagzeilen. Elf der 23 Dopingfälle betrafen Gewichtheber. Die Betrugsversuche schadeten den Spielen und dem Sport.

Freude bereitete dagegen etwa das erstaunlich gute Abschneiden Chinas. Vier Jahre vor den Olympischen Spielen in Peking haben sie der einst übermächtigen Sportnation USA fast den Rang abgelaufen. Selbst in der Leichtathletik düpierten die Asiaten die Amerikaner. So gewann Liu Xiang über 110 Meter Hürden und stellte in 12,91 Sekunden den Weltrekord ein. Am Ende landeten die Chinesen im Medaillenspiegel auf Rang zwei, hinter den USA und vor Russland. Ohne Schwimmstar Michael Phelps hätten die Amerikaner übrigens das Nachsehen gehabt. Er alleine gewann sechs Goldmedaillen.

Und schließlich gab es da noch die Kampfrichter. Sie machten durch zweifelhafte Entscheidungen auf sich aufmerksam. Davon waren auch - mal wieder - die deutschen Reiter betroffen. Wegen eines Formfehlers mussten die Vielseitigkeitsreiter um Bettina Hoy zwei Goldmedaillen abgeben. Verstanden hat das außer den Offiziellen keiner, aber es passte ins Bild der Athener Spiele.

Hoys Pferd "Ringwood Cockatoo" ist in Athen übrigens auch mit Medikamenten behandelt worden. Anders als im Fall Beerbaum sprachen die Offiziellen Hoy aber später frei. Ihr Tierarzt hatte die Behandlung mit einem Offiziellen abgesprochen.

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