Rückgang der Arbeitslosenzahl im März fällt aus Expertensicht wegen der Konjunkturschwäche so niedrig aus wie noch nie seit 1991
Der Frühling zieht dieses Jahr am Arbeitsmarkt vorbei

Der Trend zur Verschlechterung hat sich am deutschen Arbeitsmarkt auch im März fortgesetzt.

DÜSSELDORF. Übereinstimmend gehen Arbeitsmarktexperten davon aus, dass die Arbeitslosenzahl im März gegenüber Februar weitaus geringer abgenommen hat, als es üblicherweise der Fall ist. Nach Vorabangaben der "Welt" von gestern Abend ist das auch tatsächlich der Fall: So waren im vergangenen Monat 4,66 Mill. Menschen ohne Job. Im Vergleich zum Februar, als 4,71 Mill. Arbeitslose gemeldet wurden, sei die Zahl um 50 000 gefallen.

Normalerweise setzt im März die Frühjahrsbelebung auf dem Arbeitsmarkt ein - auch in konjunkturell schwierigeren Zeiten. Im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2002 sank die Arbeitslosigkeit im März um rund 147 000. Deutlich schlechter war die Entwicklung nur im Rezessionsjahr 1993 sowie 2001.

Im März 2003 dürfte es aber noch schlimmer gekommen sein. Bankenvolkswirte hatten zuvor im Mittel ein Minus um rund 100 000 erwartet - wenn die "Welt"-Zahlen stimmen, sind es davon sogar nur die Hälfte. Selbst pessimistischste Schätzungen hatten zuvor nur einen Rückgang von 70 000 erwartet - und schon das wäre nur halb so stark wie im Durchschnitt seit der deutschen Einheit gewesen. Die offiziellen Zahlen veröffentlicht die Bundesanstalt für Arbeit am heutigen Donnerstag.

Der Hauptgrund für den Ausfall der Frühjahrsbelebung liegt aus Expertensicht vor allem in der schwachen Konjunktur. Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), weist zudem darauf hin, dass der deutsche Arbeitsmarkt dann stärker auf Konjunkturschwächen reagiere, wenn sie länger dauerten. Dies sei nun im dritten Jahr mit sehr niedrigem Wirtschaftswachstum noch ausgeprägter der Fall als 2002. Auch der Ifo-Konjunkturtest und die Umfrage unter Einkaufsmanagern im März wiesen auf eine nur schwache saisonale Erholung hin.

Sofern die Nachfrage nach Gütern und Diensten der deutschen Wirtschaft nicht bald wieder dauerhaft anzieht, könnte die Arbeitslosigkeit im Jahresschnitt sogar noch höher klettern als bisher mit 4,2 Millionen prognostiziert. Schäfer vom IW rechnet bereits heute wegen des schlechten Starts ins Jahr 2003 mit eher 4,3 Millionen, und das sogar bei einem Wirtschaftswachstum von rund 0,7 %. Auch die Arbeitgeber gehen davon aus, dass es mehr als 4,2 Millionen werden. Am pessimistischsten ist bislang das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Es prognostiziert 4,4 Millionen Arbeitslose. Die Arbeitslosenzahl würde sich um 340 000 im Jahresdurchschnitt erhöhen, also viel stärker als noch 2002 mit 208 000.

Ein Indiz für die seit Jahresbeginn schlechtere Arbeitsmarktlage ist beispielsweise für das IfW, dass die Kurzarbeit abnimmt. Die Betriebe sehen sich angesichts der anhaltenden Nachfrageausfälle nicht mehr in der Lage, Mitarbeiter zu halten, für die sie keine Arbeit haben.

Eine Verzögerung der Konjunkturbelebung verzögert zwangsläufig den Arbeitslosenabbau. Die bereits in Kraft getretenen Arbeitsmarkt-Reformelemente wie die Ich-AG und die Neuregelung der geringfügigen Beschäftigung können den Ausgleich nicht bringen, zumal letzteres Instrument zunächst bereits Erwerbstätige und die nicht arbeitslos gemeldete stille Reserve mobilisieren dürfte. Schäfer befürchtet zudem, dass durch die Erhöhung der Beitragssätze und Beitragsbemessungsgrenzen für die Sozialversicherung mehr Arbeitsplätze vernichtet als durch die geplanten Arbeitsmarktreformen geschaffen werden.

Für den Bundeskanzler und seinen Arbeitsminister könnten die schlechten März-Zahlen vom Arbeitsmarkt gleichwohl einen positiven Aspekt haben: Sie unterstreichen die Notwendigkeit von Reformen und können helfen, Widerstände gegen sie zu brechen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%