Rückrufe wegen Software-Problemen
Den BMW bitte neu hochfahren

Erste ernste Pannen mit Software in Autos zeigen: Den Herstellern fehlt es an Wissen, um die schöne neue Technik zu beherrschen.

Erst vergangene Woche hat VW die Autofahrer aufgeschreckt: Eine Million Polos und Lupos müssen in die Werkstätten zurück, weil die Schläuche am Bremskraft-Verstärker lecken können. Berühmt ist auch eine Panne bei Opel: 1995 schlug der Hersteller Alarm, da es mehrfach zu kleineren Explosionen am Tankstutzen gekommen war. Folge: Rekordverdächtige 2,3 Millionen Autofahrer mussten ihre Oppel Astras nachbessern lassen.

Inzwischen aber häufen sich Rückruf-Aktionen eines neuen Typs: wegen Software-Fehlern. In diesen Tagen müssen die meisten der frisch ausgelieferten BMW der 7er-Baureihe zurück in die Werkstätten. Eine Steuerungs-Software meldete zu spät, wann der Tank leer war. Wer Pech hatte, durfte seine Luxuskarosse für viel Geld auf der Autobahn abschleppen lassen.

Noch an vielen anderen Stellen diktiert heute Software das Geschehen im Auto - und führt nicht selten zu Fehlern. Mercedes etwa hatte bei seiner E- Klasse Probleme mit dem Bosch-Navigationssystem und tauschte vor lauter Ärger gleich den Zulieferer aus.

Auf der anderen Seite entdecken die Software-Konzerne das Auto als einträgliche Ertragsquelle. Branchenriese Microsoft beispielsweise steht mit einigem Stolz auf der Lieferantenliste des neuen 7er-BMW. Das Betriebssystem Windows CE steuert Navigationssystem, Telefon, Klimakontrolle und Musikanlage. So lange es läuft, freuen sich alle, jedoch: Für die Autokonzerne tut sich eine große Schwachstelle auf. Ihnen fehlt das Know-how für die digitale Technik. Fehler darin lassen sich für sie kaum in den Griff bekommen. Und fällt das in der Zentrale schwer genug, gilt das in Werkstätten umso mehr.

Schon im Jahr 2000 warnte BMW - Entwicklungsvorstand Burkhard Göschel vor einer neuen Abhängigkeit seiner Industrie. Die Branche müsse auch bei der Software für Autos "eine Führungsposition erreichen" - andernfalls stünden schwere Zeiten bevor.

Göschels Appell aber ist nicht überall gehört worden. In jüngster Zeit häufen sich software-bedingte Fehler. Logischerweise trifft es ausgerechnet die neuesten und nobelsten Modelle, die entsprechend ausgestattet sind. Während in Online-Foren fleißig über die Software-Firmen gespottet wird, sieht Willi Diez, Professor am Institut für Automobilwirtschaft, die Schuld bei der Auto-Branche: Sie habe sich zu sehr auf ihre Zulieferer verlassen und keine einheitlichen Standards definiert. "Die Autohersteller müssen die elektronische Architektur stärker von sich aus vorgeben", verlangt Diez.

Tatsächlich: Die Kfz-Konzerne reagieren. BMW hat unlängst eine eigene Tochter mit dem Namen BMW Car IT gegründet. Zunächst arbeiten 10, später 20 Techniker an einer verbesserten Software-Architektur für die Autos aus München. "Der Trend in der Automobilindustrie geht eindeutig von der Hard- zur Software. Informationstechnologie ist inzwischen eine wichtige Kernkompetenz von BMW", meint Entwicklungsvorstand Göschel. In seinem Haus steht jedenfalls fest, dass die Software für das Auto nicht um jeden Preis beim Zulieferer geschrieben werden muss.

Allerdings gibt es in Bayern prompt ein ganz neues Problem: "Es ist schwierig, geeignete Leute für die neue Tochter zu finden", sagt BMW-Sprecher Jochen Müller. Nicht jeder Informatiker bringe genügend Fachwissen für Autos mit, noch weniger Ingenieure kennen sich auch mit Programmierung aus.

Auch bei Mercedes-Benz haben erste ernste Software-Pannen die Führung auf den Plan gerufen. Die Premiummarke des Daimler-Chrysler-Konzerns darf sich keine großen Pleiten erlauben - Vorstand Jürgen Hubbert hat Qualität deshalb zur Chefsache erklärt. Die IT spielt eine besondere Rolle: Bei elektronischen Bauteilen lege der Konzern eine "besondere Wachsamkeit" an den Tag. Außerdem wird an einer einheitlichen Elektronik-Architektur für alle Fahrzeuge und Marken gearbeitet.

Die Weichen sind jedenfalls gestellt, dass in den kommenden Jahren noch mehr Computertechnik in den Autos stecken wird. Ohne Software sind etwa komplizierte Sicherheitssysteme und neue Methoden zur Abgasreinigung unvorstellbar. Elektronische Systeme werden auch Bremsflüssigkeit und die Lenkstange ablösen - die Impulse werden künftig von Pedal und Lenkrad aus per Kabel weitergegeben und mit Hilfe von Software kontrolliert.

Ein letzter wichtiger Schritt ist die Computer-Überwachung des Autos. Sie soll helfen, Pannen schon im Vorfeld zu erkennen und lästiges Liegenbleiben zu verhindern. "Demnächst wird eine präventive Wartung vorstellbar, bei der ständig technische Fahrzeugdaten überwacht werden und im Falle einer Abweichung der Fahrer alarmiert wird", erläutert Bruno Simon, Leiter des Projektes "E-Fahrzeug" bei Renault.

Und hilft das alles nicht weiter, lässt sich in ferner Zukunft das liegen gebliebene Auto vielleicht gar dadurch reparieren, dass die Werkstatt per Mobiltelefon auf die Software im Fahrzeug zugreift.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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