Rückschau auf 2001
Kommentar: Ein Jahr der Prüfung

Die westliche Welt hat die Herausforderungen angenommen. Sie geht als Sieger aus dem Kampf gegen den Terror hervor.

Selten verdichtet sich Geschichte in einem einzigen Moment. Die Welt scheint in solchen außergewöhnlichen Augenblicken gleichsam in ihrem Lauf innezuhalten, plötzlich aus ihrem normalen Rhythmus gerissen und für einen Herzschlag zum Stillstand gebracht. Der 11. September war so ein Tag, von dem wir schon heute sagen können: Er hat nicht nur das ganze vergangene Jahr geprägt, sondern wirft seinen Schatten weit voraus in die Zukunft. Die politischen, psychologischen, militärischen und wirtschaftlichen Folgen des Terrorangriffs auf Amerika werden uns noch lange beschäftigen. Soweit besteht, wahrscheinlich, in den westlichen Demokratien Einigkeit.

Doch was bleibt langfristig vom 11. September? Sicherlich zu allererst die Erinnerung an ein monströses Verbrechen, an die Verletzbarkeit der modernen Gesellschaft, an die "Globalisierung der Unsicherheit", wie der amerikanische Publizist David Gompert es nannte. All das, doch eben nicht nur das allein. Der 11. September und die Tage danach werden auch im Gedächtnis bleiben als Sinnbild für beispiellose nationale und internationale Solidarität, für die entschlossene Verteidigung westlicher Werte, für besonnenes politisches und wirtschaftliches Handeln in größter Gefahr. Und schon heute, gerade 100 Tage nach dem Angriff auf Amerika, kann man sagen: Der 11. September wird nicht als Tag des terroristischen Triumphs in die Geschichtsbücher eingehen, sondern als Tag der Herausforderung, die die westliche Wertegemeinschaft bestanden hat. Deshalb war die Entscheidung des amerikanischen Magazins "Time" richtig, nicht Osama bin Laden zum "Mann des Jahres 2001" zu küren, sondern den New Yorker Bürgermeister Rudy Guiliani: Er steht stellvertretend für viele Zehntausende in den USA und anderswo, die in den vergangenen Wochen mitgeholfen haben, damit die Terroristen am Ende eben doch nicht triumphieren.

Die düstersten Prophezeiungen, die nach dem 11. September zu lesen waren, sind nicht Wirklichkeit geworden. Bin Laden ist es nicht gelungen, die Welt in einen "Kampf der Kulturen" zu stürzen. Die liberale Demokratie lässt sich durch die terroristische Bedrohung nicht in die Selbstvernichtung durch Aufhebung ihrer Freiheiten und Bürgerrechte treiben. Der militärische Feldzug gegen den Terrorismus endet nicht in einem "zweiten Vietnam". Und bin Laden ist es auch nicht gelungen, die Weltwirtschaft in eine anhaltende Rezession zu bomben und die Globalisierung aufzuhalten. Genau das Gegenteil ist der Fall: Afghanistan und andere Länder, die in der westlichen Welt bereits abgeschrieben waren, bekommen durch die Entwicklung nach dem 11. September eine Chance zur Rückkehr in den Mainstream der modernen Zivilisation.

Wahr ist allerdings auch: Die neue Weltordnung, ein Leben ohne die Bedrohung durch grenzüberschreitende Terrorgruppen, ist damit noch lange nicht in Sicht. Bisher konnte die Anti-Terror-Allianz unter Führung der Amerikaner noch nicht einmal bin Laden den Garaus machen. Schlimmer noch, Israel und Palästina, Indien und Pakistan zeigen: Jederzeit können alte Konflikte zu neuen Kriegen führen, so lange Terrorgruppen immer noch als "Freiheitskämpfer" Unterstützung finden. Das Bündnis der Vernunft, das nach dem 11. September geschmiedet wurde, steht deshalb jeden Tag aufs Neue vor der Bewährungsprobe. Nach einem Jahr der Prüfung dürfen die demokratischen Staaten deshalb keineswegs mit Selbstzufriedenheit in die Zukunft schauen. Wohl aber mit einiger Hoffnung: Die offene Gesellschaft ist stärker als ihre Feinde.

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