Rücktrit ein taktischer Schachzug, der nach hinten los gehen kann
Analyse: David Trimble setzt voll auf Risiko

David Trimble (56), der protestantische Chef der Regionalregierung Nordirlands, pokert hoch und setzt nun voll auf Risiko. Drei Jahre nach dem Nordirland-Friedensabkommen von 1998 ist der Chef der wichtigsten Protestanten-Partei, der pro-britischen Unionisten (UUP), von seinem Amt als "Erster Minister" zurückgetreten.

dpa LONDON. Damit versucht er, die republikanisch-katholische Sinn Fein und deren Terrorabteilung IRA dazu zu zwingen, mit der Abgabe von Waffen und Sprengstoff Ernst zu machen. Sechs Wochen haben alle Beteiligten Zeit, sich zu einigen - sonst wird alles noch viel schwieriger als ohnehin schon.

Trimbles Rücktritt ist eigentlich nur ein zeitweiliger, denn der gewiefte Taktiker setzt darauf, dass die Vorstellung, ohne ihn auskommen zu müssen, für fast alle Beteiligten Grund genug zur Einigung sein wird. Dass in Nordirland ohne Trimble wieder das Chaos von Gewalt und Gegengewalt ausbrechen wird, das man 1998 überwunden wähnte, ist in der Tat eher wahrscheinlich. Und schon bei der Verkündung des Rücktritts, den er bereits am 8. Mai vordatiert auf den 1. Juli unterschrieben hatte (womit er militante Hardliner in der eigenen Ulster Unionist Party ruhig stellte), ließ er wissen: "Ich bin bereit, mein Amt wieder anzutreten, wenn wir sehen, dass Waffen auf Dauer unbenutzbar gemacht werden."

Trimbles wichtigste Gegenspieler außerhalb der eigenen Partei sind Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams und dessen Vertrauter Martin McGuinness, zumindest letzterer nach eigenem Eingeständnis einst einer der IRA-Generäle. Zwar hat sich Sinn Fein mit dem Friedensabkommen 1998 auch verpflichtet, auf die Entwaffnung der IRA hinzuwirken, aber seither wurden nur wenige Fortschritte gemacht. Denn die IRA, teilweise personell identisch mit Sinn Fein, sieht in den Waffen den entscheidenden Joker, den sie erst ganz am Schluss ausspielen will. Sie hat zwar Waffenlager in der Republik Irland inspizieren und versiegeln lassen - hat aber noch keine Waffen vernichtet oder auch nur Auskunft über ihre anderen, nicht- versiegelten Waffenbestände gegeben.

Beide Seiten operieren mit den Hardlinern im eigenen Lager. Adams und McGuinness verweisen auf einen wesentlichen Teil der IRA, der eine "Kapitulation" vor den Briten ablehne. Und die von den Protestanten geforderte Abgabe der Waffen durch die IRA komme erst dann in Betracht, wenn man auch bei den anderen republikanischen Forderungen Fortschritte mache: Der Reform der protestantisch dominierten Polizei und dem Abzug der britischen Soldaten. Trimble hält dem unter Hinweis auf die UUP-Hardliner entgegen: Die Entwaffnung ist die Voraussetzung dafür, dass es in anderen Bereichen Einigungen geben kann.

Sechs Wochen lang kann die Regionalregierung ohne Chef auskommen, danach wird es kompliziert. Gibt es keinen Nachfolger für Trimble, dann könnte die britische Regierung die Belfaster Regionalinstitutionen suspendieren. Damit würde sie sich wie schon im vergangenen Jahr eine Atempause verschaffen, aber noch kein Problem wirklich lösen können. Suspendiert sie das Regionalparlament (und damit auch die Regierung) nicht, so finden Neuwahlen statt. Dabei aber würden aller Wahrscheinlichkeit nach Sinn Fein und die Democratic Unionist Party des radikalen Presbyterianerpastors Ian Paisley gestärkt - die schwierigsten Kräfte im Parlament.

Deswegen werden sich in den kommenden Wochen Tony Blair und dessen irischer Kollege Bertie Ahern mit Hochdruck bemühen, einen Kompromiss zu finden, der Trimbles Rückkehr ermöglicht. Dies auch vor dem Hintergrund der anstehenden Triumphmärsche der protestantischen "Oranier" und der in elf Monaten bevorstehenden Wahlen in Irland, bei denen Ahern ein Erstarken von Sinn Fein verhindern will. Denn falls Trimble nicht zurückkehrt, fiele auch die UUP-Führung vermutlich an einen der Scharfmacher, die nur auf Trimbles Scheitern warten. Mit einer radikalisierten UUP würde Sinn Fein vermutlich nicht einmal mehr reden.

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