Rücktritt würde als Verlust für Europa betrachtet
Ermittlungen gegen Fischer stoßen im Ausland auf Belustigung

Ausländische Touristen, die bei Besichtigungstouren in Deutschland an Zeitungskiosken vorbeischlendern, könnten seit einiger Zeit einen merkwürdigen Eindruck der deutschen Politik gewinnen. Erst zierte eine Verbrecherkartei des Regierungschefs die Titelseiten, nun werben Magazine mit Plakaten, die den Außenminister als vermummten Terroristen zeigen.

afp BERLIN. "Wir Italiener verstehen die Attacken gegen Fischer nicht", sagt Francesca Sforza, Korrespondentin der Tageszeitung "La Stampa". "In Rom reicht das Gedächtnis der Regierenden kaum eine Woche zurück; wie sollte der deutsche Außenminister noch wissen, mit wem er vor 27 Jahren gefrühstückt hat?" Fischer ist in Italien beliebt, er gilt als weitsichtiger Europäer. Das gegen ihn eingeleitete Ermittlungsverfahren wertet man daher eher als Verlegenheitskampagne der Opposition.



Auch in Paris hat sich Joschka Fischer einiges Ansehen erworben. Seinen Rücktritt würde die Mitte-Links-Regierung als Verlust für die deutsch-französischen Beziehungen betrachten. Fischers ehemaliger Weggefährte, der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, findet dass die Debatte in Deutschland mit "unglaublicher Aggressivität", geführt wird. Dass eine vergleichbare Debatte in Frankreich kaum denkbar erscheint, zeigt das Beispiel des Spitzenpolitikers Alain Madelin. Er gehörte in der 68er-Zeit zum rechtsradikalen Spektrum und ging bei den Straßenschlachten mit Eisenstangen auf linke Demonstranten los.



Madelin ist heute Chef der Liberalen Partei und will im kommenden Jahr als Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen antreten. Auf die Frage, ob er mit seiner Vergangenheit Probleme habe, antwortete Madelin: "Irgendwann ist in Frankreich die Vergangenheit vergangen." In Europa mag zudem so mancher Amtskollege Sympathie für Fischer empfinden. Denn der deutsche Außenminister ist nicht der einzige Alt-68er in der Runde. Auch der finnische Ressortchef Erkki Tuomioja ist in seiner Heimat als ehemals aktiver Demonstrant bekannt.



Der konservative Pariser "Figaro" meint, es spreche für die deutsche Demokratie, dass ein ehemaliger Linksradikaler Außenminister werden konnte. In den USA beobachtet der Koordinator für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit der Bundesregierung, Karsten Voigt, ähnliche Reaktionen. Fischer führte am Dienstag erste Gespräche mit der neuen US-Regierung von Präsident George W. Bush in Washington. Anlässlich dieses Besuches sagte Voigt, die Presse werte Fischers Karriere als positives Indiz für ein verändertes und liberalisiertes Deutschland. "Die Position von Fischer in den USA ist nicht angekratzt", so Voigt.



Ein wenig genauer nehmen es die Kommentatoren des Londoner "Economist": "Können rechtsextreme Jugendliche glaubhaft wegen Gewalt gegen Ausländer verurteilt werden, wenn die Gewalt des Außenministers gegen einen Polizisten als verzeihliche Jugendsünde abgetan wird?", fragt das Blatt. Die Wiener "Presse" schließlich kann es sich nicht verkneifen, Fischers Nöte zum Anlass für eine Retourkutsche zu nehmen: "Da wird der gleiche Joschka Fischer, der sich monatelang moralinsauer über einige österreichische Zitate ereifert hat, als einstiger Gewalttäter und heutiger uneidlicher Falschaussager entlarvt", schreibt der Leitartikler.

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