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Rüde beschimpft vom Flughafenpersonal

Durch ein 0:0 in Albanien verpassten Deutschlands Fußballer die EM 1968. Günter Netzer erinnert sich an das Debakel und die Reaktionen.

HANDELSBLATT. Die Aufgabe ist nicht eben furchteinflößend. Gegen Island, noch dazu vor eigener Kulisse in Hamburg - was soll da eigentlich am Sonnabend noch schiefgehen für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Qualifikation zur Europameisterschaft 2004 in Portugal? Sicher, das Hinspiel in Island endete 0:0, aber das soll doch wohl nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen sein. So denken hier zu Lande die Fußballfans. Auch der ehemalige Nationalspieler Günter Netzer, der es auf 37 Länderspiele brachte und jetzt mit Gerhard Delling fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen die Spiele von Rudi Völlers Elf kritisch kommentierend begleitet, ist vom Weiterkommen überzeugt. "Es handelt sich um ein Heimspiel. Deutschland braucht nur noch einen Punkt. Ich habe keinen Zweifel, dass sich die Mannschaft als Gruppenerster qualifiziert."

Es gibt aber ein warnendes Beispiel aus der deutschen Fußballgeschichte, wie man eine fast sicher geglaubte EM-Qualifikation doch noch verspielen kann. Günter Netzer war dabei, auf dem Spielfeld. Am 17. Dezember 1967 traf die von Helmut Schön trainierte Nationalelf in Tirana auf Albanien. 0:0 endete die Partie - und Deutschland verpasste zum ersten und bisher einzigen Mal die Teilnahme an einem Endrundenturnier bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft. Stattdessen durfte 1968 Jugoslawien zur EM fahren. Netzer, der damals Regie führen sollte und das in keinster Weise schaffte, erinnert sich: "Wir wussten, dass uns der Tag von Tirana ein Leben lang verfolgen würde. Und völlig zu Recht. Es war eine einzigartige Katastrophe."

Schon die äußeren Umstände in Albaniens Hauptstadt schockierten die verwöhnten deutschen Fußballprofis, die als Vizeweltmeister angereist waren. "In Tirana gab es nur ein einziges Hotel, wir hatten kaum etwas zu essen", sagt Netzer. Der albanische Verband hatte extra für das Spiel Bälle aus China importieren müssen, weil die eigenen Spielgeräte den Anforderungen der Uefa nicht genügten. Dazu kam der unebene Platz. Gründe, die das Scheitern nur sehr bedingt erklären - und die Verägerung in der Heimat über diese Fußball-Blamage nicht minderten. Bei der Rückkehr wurden die Spieler herzlos empfangen. "Niemand war da - bis auf das Flughafenpersonal. Und von dem mussten wir uns noch beschimpfen lassen. Rüde beschimpfen lassen sogar, so weit ich mich erinnere", sagt Netzer.

Er gibt zu: "Tirana war damals ein absoluter Tiefpunkt." Doch aus einer Blamage, so weiß er, entsteht manchmal auch etwas Großes. "Wir sind damals nicht in Depression verfalen. Wir hatten damals eine große Mannschaft, die 1972 Europameister wurde und dann 1974 Weltmeister."

Der 59-Jährige mag aber keine direkten Vergleiche ziehen zwischen der damaligen Schmach in Tirana und dem 0:0 gegen Island vor wenigen Wochen in Reykjavik. "Die Albaner konnten früher nicht so Fußball spielen wie die Isländer heute."

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