Rüge des Presserats droht
Kommentar: Glorreiche Verluste mit Capital

Fast 20 Prozent verloren Anleger an Zertifikaten, die im Februar das Magazin "Capital" und die Dresdner Bank auf den Markt gebracht haben. Jetzt droht dem Blatt eine Rüge des Deutschen Presserats.

An der Börse Geld zu verlieren, ist nicht weiter schwer, wie leidgeprüfte Anleger wissen. Besonders leicht war das in den vergangenen Jahren am Neuen Markt. Aber kann man auch mit den 10 weltbesten (!) Aktien in nur drei Monaten fast 20 Prozent verlieren? Und das in einer relativ ruhigen Börsenphase?

Kaum zu glauben, aber man kann. Den Beweis trat im Frühjahr unfreiwillig die Redaktion des Wirtschaftsmagazins "Capital" an. Vollmundig ließen die Kölner die Dresdner Bank ein Zertifikat (WKN 830 991) auflegen und tauften es kühn "Capital best choice World". Die zehn Aktien suchten sie sich im Global-Titan-Index und kürten sie zu den "glorreichen Zehn": Darunter auch der Telefon-Konzern Worldcom, dem kürzlich der Chef Bernard Ebbers abhanden kam, und den die Kreditagentur Moody?s als "Junk" (Schrott) einstuft.. Und weil die Auswahl so glänzend schien, wollten die Erfinder des Zertifikats sie auch nur zweimal während der Laufzeit des Zertifikats (2005) ändern: Jeweils am 31. Januar 2003 und 2004 nach dem Motto: "Investieren leicht gemacht."

Ein wenig zu leicht. Erleichtert dürfen sich die Käufer dieses Produkts fühlen: Um bisher (10.5.2002) 17,8 Prozent Kursverlust, den Ausgabeaufschlag und die Managementgebühr von jeweils einem Prozent dazu. Mit Dow - und Dax - gab es in dieser Zeit statt Verlusten bescheidene Gewinne.

Das Ganze geriet dem Magazin Ende Januar zur Titelgeschichte und wohl auch zu einem Publikumserfolg. Die Dresdner Bank registrierte "irrsinnige Nachfrage". Schließlich legte der Capital-Herausgeber Werner Funk im Editorial zwei Wochen nach dem Start der Promotion noch einmal nach: "Nicht vergessen: Am 11. Februar beginnt die Zeichnungsfrist... Nach dem bisherigen Echo zu urteilen erregt es die Aufmerksamkeit, die es verdient."
Das hat es in der Tat: Selten hatten Anleger wohl eine so günstige Beweislage, um die Initiatoren in die gefürchtete Berater-Haftung zu nehmen. Geradezu ein Musterfall für die Finanzbranche.

Ganz anders setzt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) bei diesem Skandal an (Ausgabe vom 4.5.2002, noch im Online-Archiv sueddeutsche.de abrufbar). Sie sieht die Pressefreiheit in Gefahr und erwartet eine Kontroverse vor dem Deutschen Presserat, auch deshalb, weil "Capital" zwei weitere Zertifikate der Dresdner Bank im März lobend folgen ließ. Redakteure als Investment-Promoter? Das kann nicht sein. Denn das deutsche Presserecht verbietet ganz eindeutig - unabhängig vom Medium - die Vermischung von Redaktion und Werbung.
Wäre das nicht so, hätten wir künftig womöglich "Welt"-Versicherungen; "Stern"-Aktien oder "Focus"-Fonds im Markt. Der Tübinger Anleger-Anwalt Andreas Tilp hat jedenfalls beim Wertpapieraufsichtsamt Anzeige erstattet und beim Deutschen Presserat Beschwerde eingelegt.

Und wie sieht die Rechnung für "Capital" aus? Nun, die Dresdner Bank stabilisierte nach Recherchen der SZ die verkaufte Auflage mit der Übernahme von 16 000 Heften zum Preis von 1,30 ? statt 3 ? Ladenpreis. Ein Linsengericht für die Ehre eines Magazins, das im Juni. sein 40jähriges Bestehen feiern will und nun in Gefahr gerät, als Kundenmagazin einer Bank zu gelten.

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