Rüstungsindustrie
Analyse: Im Netz der Vorschriften

Der europäischen Rüstungsindustrie läuft die Zeit davon: Wenn sie nicht bald ihre Zersplitterung überwindet, endet sie als Zulieferer der großen US-Konzerne - als Spezialist fürs Grobe, während die Konkurrenz die Militärmärkte der Zukunft besetzt hält. Europäische Rüstungslobbyisten pfeifen dieses Lied schon lange: Die EU-Kommission hat es gehört. Ihr neuer und bisher weitester Vorstoß in Sachen Rüstungspolitik nimmt die größten Probleme der Industrie auf.

Längst geht es in der Militärtechnik nicht mehr darum, den größten Panzer mit der dicksten Kanone zu bauen. Die Zukunft des Kriegs besteht vielmehr darin, den Panzer mit der Aufklärungsdrohne, der Artillerie und dem Patrouillenboot vor der Küste zu vernetzen. Mehr Überblick bedeutet auch weniger Risiko für die Soldaten - ihr Schutz besteht nicht mehr aus der Stahlplatte, sondern ihrem Vorsprung an Information. Die Vernetzung ist das Geschäft der Zukunft, das große Geld. Die erforderliche Technologie zu entwickeln, ist so teuer, dass die Forschung kein Unternehmen mehr alleine stemmen kann, nicht mal ein amerikanisches und erst recht kein europäisches.

"Plug and shoot" heißt die Devise der Militärs und die Unternehmen müssen sich danach richten, wenn sie keine Marktanteile verlieren wollen. Wie sehr sich damit die Vorzeichen im Rüstungsgeschäft verschoben haben, zeigt die Entwicklung des Future Combat Systems (FCS), einer neuen gepanzerten Fahrzeugfamilie für die US-Armee, die ab 2011 vom Band rollen soll: Boeing hat darin die Systemführerschaft, obwohl aus den Hallen des Konzerns noch nie ein Auto gerollt ist. Der fahrbare Untersatz wird austauschbar und den aktuellen militärischen Herausforderungen angepasst - eine Zulieferung eben. Das Sahnestück des FCS, die Systemarchitektur, bleibt im Wesentlichen bei Boeing. Ähnliche Beispiele gibt es auch bei der Marine: So dreht Lockheed Martin bei der Modernisierung der US-Küstenwache ein großes Rad, obwohl bei dem Flugzeugbauer noch nie ein Schiff vom Stapel gelaufen ist. Lockheed füllt die schwimmenden Stahlhüllen dafür mit den richtigen Fähigkeiten.

Die europäische Heeres- und Marineindustrie kann da nicht mithalten, bestenfalls als Juniorpartner in einem der großen US-Projekte. Dafür verantwortlich sind die Europäer selbst: Die militärische Forschung und Entwicklung wird aus zu vielen Töpfen gespeist und nur in wenigen Fällen koordiniert. Das führt dazu, dass sich eine Vielzahl von Produkten Konkurrenz macht und dass sie an den Bedürfnissen der Armeen vorbeigebaut werden. Obwohl es einen europäischen Binnenmarkt gibt, können militärische Bauteile nicht vom einen Land ins andere transportiert werden. Dazu sind komplizierte Genehmigungsverfahren erforderlich, die auch Fusionen erschweren. Die vielen mittelständischen Unternehmen haben außerdem oft selbst nach nationaler Abschottung gerufen - je nachdem, wie es gerade passte.

Die EU-Kommission hat mit ihren Plänen die Finger in die richtigen Wunden gelegt: Europa braucht einen transparenteren Rüstungsmarkt und eine bessere Abstimmung. Die Reform der europäischen Armeen steht zwar noch am Anfang. Aber wenn die hiesige Industrie in Zukunft nicht nur den Schraubschlüssel liefern will, muss sie sich bald zusammenschließen.

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