Rüttgers in der Kritik
Streit über Gentechnik in der CDU entbrannt

In der CDU-Führung ist ein Streit um die Position der Partei zur Gentechnik entbrannt. Unmittelbar vor einem geplanten Beschluss des CDU-Vorstands geriet das unter Federführung des CDU - Vize-Vorsitzenden Jürgen Rüttgers erarbeitete Grundsatzpapier zur Genforschung am Wochenende in die Kritik.

dpa BERLIN. Insbesondere die von Rüttgers in engen Grenzen befürwortete Präimplantations-Diagnostik (PID) wurde von mehreren CDU-Spitzenpolitikern abgelehnt. Angesichts des offenen Konflikts empfahl die CDU-Vorsitzende Angela Merkel in einem dpa-Gespräch, den endgültigen Beschluss erst in einigen Monaten zu fassen. An diesem Montag tagen die CDU-Spitze und die Bundestagsfraktion der Union in Berlin.

Bei der PID werden die im Reagenzglas künstlich erzeugten Embryonen auf Erbkrankheiten untersucht, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden. Unionsfraktionschef Friedrich Merz und die CDU - Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Roland Koch widersprachen dem Rüttgers-Papier und lehnten jede Anwendung der PID ab.

Aus der Sicht von Merz besteht bei der PID das Risiko, dass damit "der Selektion Tor und Tür geöffnet wird". Die Eltern, die ein genetisches Risiko trügen, sollten auf die künstliche Befruchtung von Anfang an verzichten, sagte Merz der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Lebenswertes Leben?

Dem Nachrichtenmagazin "Focus" sagte Teufel, bei der Anwendung der PID müssten Ärzte, werdende Eltern und Gesetzgeber entscheiden, ob menschliches Leben "lebenswert" oder "lebensunwert" sei. In einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Samstag) warnte Koch: "Das Ringen einer Mutter, ob sie ein behindertes Kind austragen und aufziehen will, darf ihr nicht durch eine mechanische Qualitätsprüfung befruchteter Eizellen abgenommen werden."

Rüttgers sagte der "Magdeburger Volksstimme", anders als bei der Verwendung von embryonalen Stammzellen würden bei der PID keine Embryonen getötet. Es sei zudem "unbarmherzig", Embryos mit Erbschäden in den Mutterleib einzusetzen, wo sie dann aber nach Paragraf 218a, Absatz 2 abgetrieben werden könnten.

Nach Ansicht Merkels sollte der Vorstands-Beschluss zur PID offener formuliert werden. "Es sollten auch die zu Wort kommen, die in der Partei dagegen sind." Sie tue sich mit einer völligen Ablehnung schwer. Bei der PID gehe es um eine "sehr kleine Zahl" von jährlich etwa 40 bis 50 Fällen.

Ähnlich wie Merz stellte der Rechtsexperte der Grünen - Bundestagsfraktion, Volker Beck, die Frage, ob trotz der Gefahr schwerster Erbkrankheiten die Schwangerschaft technisch erzwungen werden müsse. Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) kündigte einen "ethisch fundamentalistischen Kurs" ihrer Partei an.

Ein Recht auf gesunde Kinder?

Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) bekräftigte ihre Ablehnung der PID. Eltern hätten kein Recht auf ein gesundes Kind. "Kinder sind keine Ware, die man bei Nicht-Gefallen umtauschen kann", sagte Däubler-Gmelin der "Bild am Sonntag". Sie lobte die Rede von Bundespräsident Johannes Rau als gute Diskussionsgrundlage. Rau hatte darin moralische Grenzen für die Gentechnik gefordert.

Die Stammzellenforschung, die Embryonen verbraucht, wird nach Merkels Worten von der CDU abgelehnt. Die Partei halte eindeutig daran fest, dass menschliches Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginne - auch wenn diese außerhalb des Mutterleibs erfolge. Bei der Stammzellenforschung sollen aus Zellen Gewebe oder später sogar Organe gezüchtet werden. Die Embryonen werden dabei getötet.

Unterdessen erteilte auch Vorsitzende der Ärzteorganisation Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery, der PID eine klare Absage. Wenn man künftig Menschen im Reagenzglas selektieren dürfe, stelle sich die Frage, warum man das gleiche nicht auch mit alten Menschen tun dürfe, die schwerstkrank und sterbend im Bett liegen, sagte der Vorsitzende des Verbandes der angestellten und beamteten Ärzte am Sonntag im Deutschlandfunk.

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