Ruf nach Tobin-Steuer so gut wie vergessen
Weltsozialforum übt Kritik an den USA

Trotz elender Hitze, Staub und Lärm haben sich rund 100 000 Globalisierungskritiker in Bombay versammelt. Dort versuchen sie, eine globale Allianz für einen "Regimewechsel" in den USA zu schmieden: Antiamerikanismus und Freude über das Scheitern der Welthandelsgespräche eint die Globalisierungskritiker.

HB BOMBAY. Der Triumph über das Scheitern der Welthandelsgespräche in Cancun und die Opposition gegen den Irak-Krieg sind der Kitt, der dem vierten Weltsozialforum trotz Themenflut zu einem Minimum an Einheit verhilft. Auf dem bis Mitte der Woche dauernden Treffen der Globalisierungkritiker in Bombay rief etwa die preisgekrönte indische Schriftstellerin Arundhati Roy dazu auf, den Widerstand im Irak zu unterstützen. Sie fordert zudem, das Forum solle zwei US-Konzerne bestimmen, die vom Irak-Krieg profitieren. Diese müsse man dann mit Hilfe weltweiter Aktionen "dicht machen." Philipp Hersel von Attac Deutschland ist diese Kampfansage an die USA zu einseitig und anti-amerikanisch. "Auf so eine Liste gehörte dann auch ein europäischer Konzern, der als Subunternehmer vom Wiederaufbau des Iraks profitiert", sagt er.

Rund 100 000 Globalisierungskritiker haben sich auf der Suche nach Alternativen zur internationalen Wirtschafts- und Sicherheitsordnung in Bombay versammelt. Trotz elender Hitze, Staub und Lärm versuchen sie eine globale Allianz für einen "Regimewechsel" in den USA zu schmieden. Tatsächlich fällt es dem Sammelsurium von Gruppen und Grüppchen schwer, praktikable Alternativen gegen den von ihnen gefürchteten "Räuberkapitalismus" zu entwickeln. Das zeigt auch das Schicksal der Tobin-Steuer: Der Ruf vergangener Jahre nach einer Abgabe auf internationale Kapitalströme ist so gut wie vergessen.

Das Forum tagt in einer von Slums umzingelten Industrieruine am Rande einer von Müll gesäumten Stadtautobahn. "Das akute Elend um uns herum radikalisiert das Treffen," beobachtet Hersel. Die Forderungen seien härter geworden als 2003 in Porto Alegre. "Und die Wut ist größer." Zum ersten Mal ist die Gegenveranstaltung zum Davoser Weltwirtschaftsgipfel nach Asien gezogen, in eine Region, die an der Vorfront der Globalisierung steht. "Der Umzug gibt der Bewegung mehr Breite und Tiefe," glaubt Ernst von Weizsäcker, SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Umweltausschusses. Er stellt sie aber auch vor neue Fragen. Indien ist das letzte große Land des Kontinents, das sich der Globalisierung in die Arme wirft. Denn die Folgen derselben empfinden viele Inder als positiv. Die Outsourcing-Welle beschert dem Land Zehntausende neuer Dienstleistungsjobs. Und seitdem die Mauern des Protektionismus bröckeln, reißen sich Konsumenten um die immer buntere Auswahl weltweit gleicher Softdrinks, Fernseher oder Digitalkameras. "Indien leuchtet!", verkündet denn auch die Regierung in Fernsehspots.

In Wirklichkeit verharren Indiens 700 Millionen Landbewohner im Abseits der Globalisierung. Und zumindest im Agrarbereich findet der Kampf für ein gerechteres Welthandelssystem hörbar Nachhall im Land. "Kein Kleinbauer kommt gegen die vom Westen hoch subventionierten Lebensmittel an, die auf uns abgeladen werden," wettert Agrarwissenschaftler Divender Sharma. Das schaffe Arbeitslosigkeit, verstärke die Landflucht und lasse die Slums in den Städte aus allen Nähten platzen.

Die Siegesfreude über das Scheitern von Cancun am Widerstand einer Koalition aus 21 Entwicklungsländern wie Indien hat beim WSF durchaus Grenzen. "Der Druck muss weiter wachsen", fordert etwa Lars Klingbeil. Besonders empört den Juso die "Doppelzüngigkeit" der Bundesregierung, die nur auf dem Papier für eine gerechtere Globalisierung eintrete. Auch José Bové warnt davor, sich auf dem Erreichten auszuruhen. "Die G-21 sind keine stabile Koalition," warnt der französische Bauernführer. Agrarfragen können durchaus einem Kompromiss bei Dienstleistungsexporten zum Opfer fallen." Ihn sorgt, dass EU-Handelskommissar Pascal Lamy in Delhi mit Indiens Wirtschaftsminister Arun Jaitley über Auswege aus der Cancun-Sackgasse verhandelt.

Manche Aktivisten bringt aber selbst die verbreitete Anti- Bush-Stimmung in Bombay in Erklärungsnöte. Als Vertreterin von Jubilee Deutschland fordert Susanne Luithlen, Dritte-Welt-Ländern die Schulden zu erlassen - auch dem Irak. "In dem Punkt", gibt sie zu, "sind wir Bush leider ziemlich nahe".

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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