Ruhe soll er ins Unternehmen bringen
César Alierta: Telefónicas Stratege

Er ist kein Charismatiker, eher ein emsiger Arbeiter. Vor Menschen scheint er geradezu zu fliehen. Am Donnerstag muss Alierta die Bilanz für das Jahr 2001 präsentieren.

Vor allem Ruhe sollte César Alierta in das Unternehmen bringen, als er vor 18 Monaten sein neues Amt als Präsident der spanischen Telefónica antrat.

Diesen Auftrag hat er zweifellos erfüllt - mancher Beobachter fragt sich jedoch, ob nach dem Ausscheiden seines schillernden Vorgängers Juan Villalonga nicht zu viel der Ruhe bei Spaniens größtem Telekommunikationskonzern eingekehrt ist. Trotz kräftig steigender Gewinne, über die Alierta am Donnerstag berichten wird, mehrt sich die Kritik am passiven Geschäftsverhalten des 56-jährigen Spaniers.

Für die Öffentlichkeit ist der Mann mit der Hornbrille kaum präsent. Seit Alierta auf Geheiß der spanischen Regierung im Juli 2000 auf den Chefsessel bei Telefónica rückte, trat er nur ein einziges Mal vor Presse. Interviews gewährt er praktisch keine.

Das ist zwar für viele spanische Unternehmenslenker nicht ungewöhnlich, mutet aber in Zeiten des Shareholder-Values seltsam veraltet an - zumal sich Alierta bei Amtsantritt ausdrücklich der Steigerung des Börsenwerts verschrieben hat. Als Hoffnungsträger für die vielen Kleinaktionäre, die Anteile an der privatisierten, gleichwohl immer noch unter staatlichem Einfluss stehenden Telefónica halten, hat er sich bislang nicht erwiesen. Der Kurs sank von Höchstständen von 32 Euro zu Villalongas Zeiten auf 13 Euro.

Das liegt auch an der Mentalität des Chefs. Alierta ist kein Charismatiker, eher ein vorsichtiger und detailbesessener Stratege, der im Hintergrund die Strippen zieht. Während sein Vorgänger temperamentvoll seine Botschaften unters Volk brachte, scheint Alierta vor Menschen geradezu zu fliehen. Meist soll er in seinem Büro in der Madrider Gran Vía anzutreffen sein.

"Es gibt im Augenblick nichts Großes zu verkünden", sagt eine enge Mitarbeiterin, die Alierta als "extrem fleißigen und gewissenhaften Menschen" beschreibt. "Er kann sein Unternehmen nicht gut verkaufen", kritisiert dagegen ein Madrider Analyst.

Alierta, der sich gerne in Zigarrenrauch hüllt, wird als "schüchtern, fast scheu" beschrieben. Er sei "sehr angewiesen auf sein Management-Team". Andere Urteile fallen weitaus härter aus: Alierta, so äußert sich ein Beobachter, sei "keine angemessene Besetzung für den Chefposten eines Weltunternehmens wie Telefónica".

Dabei galt Alierta lange Zeit als gute Wahl. Vor allem zu Beginn seiner Amtszeit schien der Jurist und Finanzfachmann aus Saragossa als der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt, weil nach der milliardenteuren Expansion unter Villalonga in Lateinamerika und in das europäische Mobilfunkgeschäft Konsolidierung angesagt war.

Heute gilt Telefónica als einer der wenigen gesunden unter den ansonsten hoch verschuldeten Telekomriesen in Europa. Das ist für Alierta Fluch und Segen zugleich: Viele Analysten äußern sich angesichts des im Vergleich zur Konkurrenz größeren finanziellen Spielraums enttäuscht über seine wenig aggressive Vorgehensweise im europäischen Mobilfunkgeschäft.

Stattdessen geriet Alierta zuletzt in eine unangenehme Debatte über Insider-Geschäfte in seiner Familie. Die Madrider Börsenaufsicht CNMV untersuchte den Fall, konnte jedoch keine Unregelmäßigkeiten feststellen.

Auch Telefónicas defizitäre Mediensparte gilt als Schwachstelle im Unternehmen. "Worin er wirklich gut ist, das ist im Ausbau der Lateinamerika-Aktivitäten", lobt Analyst Theo Kitz von Merck Finck & Co. Trotz Krisen in der Region sei es "absolut richtig, dort in großem Stil einzusteigen".

Dem Ziel, Telefónicas Auftritt in Europa zu verbessern, ist Alierta dagegen nicht viel näher gekommen. Auch Kitz hält Alierta für "entscheidungsschwach". Gerade in Deutschland hätte Telefónica Allianzen schließen müssen, um sich eine Kundenbasis für den Aufholprozess zu verschaffen: "Das haben die Spanier verschlafen."

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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