Ruhe und Konzentration statt Action-Seminare
Visionen auf Malle

Erst die Kegler, jetzt die Denker: Mallorca wird Hochburg für Seminare. Nicht Überlebenstraining, sondern wohltuende Ruhe soll inspirieren.

MALLORCA. Sommer 2001 wurde Christoph Schließmann endlich fündig. Der Lehrbeauftragte der Universitäten Salzburg und St. Gallen, Schwerpunkt Unternehmensführung, suchte für Entscheider einen Ort des Austausches: "Ich wollte aber etwas Neues." Der gebürtige Aschaffenburger fand im Nordwesten Mallorcas die Posada del Marqués, ein zum Hotel umgebautes Kloster aus dem 16. Jahrhundert: 17 Zimmer, zwei Suiten und zwei Seminarräume. Schließmann sprach sich mit dem Besitzer Dietrich Weissborn ab und das "Orbis Mallorquin" war geboren, ein Seminarnetzwerk für Firmenchefs.

Naturstein-Refugien in den Oliven-bewachsenen Bergausläufern Mallorcas sind die neuen Herbergen für eine gewandelte Seminarkultur: Nach militärischen Theorie-Drills, Erlebnissen mit glühenden Kohlen und Überlebenstrainings im Wald stehen heute Ruhe und Konzentration auf dem Programm. Der neue Trend lebt vom Wunsch nach dem Rückzug in eine inspirierende Umgebung. Teuer ist die Anreise trotz der Exklusivität nicht: Ein Flug von Hamburg nach Frankfurt am Main kostet rund 480 Euro. Die Charter-Destination Palma de Mallorca ist schon für 250 Euro zu erreichen. Bis zu zehn Maschinen heben pro Tag aus deutschen Großstädten in Richtung Palma ab.

Entspannen statt erleben

"Für ein Tagungswochenende in Deutschland werden oft wesentlich mehr Zeit und Spesen aufgewendet", bestätigt Christine Wolf, geschäftsführende Gesellschafterin des Hamburger Seminarveranstalters Alta Media GmbH. Fünf Jahre organisierte sie Trainings für Führungskräfte. Letztes Jahr eröffnete Alta Media ein Geschäftsbüro in Palma. "Es hat ein Wertewandel stattgefunden, weg von Action-Seminaren hin zu intensiven Mental-Trainings in ausgewählter Abgeschiedenheit", hat sie registriert. "Der Impuls ging von den Trainern aus."

Einer von ihnen ist Bernd Scherer, der seit 1998 Manager coacht: "Die Power-Seminare der 80er- und 90er- Jahre waren vor allem während der starken Wachstumsphase der Wirtschaft gefragt. Sie lieferten ein kurzes Motivationshoch, danach ist alles verpufft", bemängelt er. Der 54-jährige Düsseldorfer weiß, wovon er spricht: Scherer war als "Directeur Clientel" bei L'Oréal Europa verantwortlich für das Großkundengeschäft und hat selbst an etlichen Seminaren teilgenommen.

Heutzutage ist Entspannen statt Erleben angesagt: "Nach zwei Stunden Flug findet sich der Top-Manager in warmer Bergluft, Stille und bei naturverbundener Küche wieder. Dort sind deutlich bessere und nachhaltigere Ergebnisse möglich, als an gewöhnlichen Tagungsorten", erklärt Scherer. Christoph Schließmann stimmt zu: "Um die Tür für ein wirkliches Umdenken zu öffnen, müssen Sie die Teilnehmer emotional erreichen." Dazu gilt es, die Entscheider aus ihren gewohnten Bahnen der Problemlösung zu holen.

Das praktiziert auch Angela Heise, Inhaberin von "Grandperformance" in Sydney, Australien. Als lizenzierte Trainerin für Edward de Bonos Techniken leitet sie weltweit Strategie- und Kreativitätsmeetings. Auf Mallorca coachte sie im Seminarzentrum Ca'n Níspero die Mitarbeiter einer Hamburger Agentur, die neu strukturiert wurde. "Das Haus hat es mir leicht gemacht", erzählt Angela Heise. Die besondere Ausstrahlung des Anwesens ohne Hotellerie: "Die Teilnehmer kamen gar nicht auf die Idee, ?kurz? auf ihr Zimmer zu verschwinden, um E-Mails abzurufen oder zu telefonieren."

Strategische Treffen im Jugendstilpalais

"Private Conference", private Konferenz, nennt Barbara Helwig das Konzept ihres Hauses Ca'n Níspero. Im Januar 2000 hatten Freunde von ihr den unbewohnten Jugendstilpalais hinter der Sóller Kathedrale an der Plaza Antonio Maura Nummer sechs entdeckt. Die Geschäftsidee war schnell geboren: Ein Haus, in dem Manager wichtige strategische Treffen in einer anregenden Atmosphäre abhalten können. Nach aufwändigen Restaurierungsarbeiten strahlen die 100 Jahre alten Glasornamente, Fliesen und Holzarbeiten inzwischen wieder im alten Glanz. Helwig ließ gleichzeitig modernste Tagungstechnik und in allen Räumen Internetzugänge installieren.

Unternehmer schätzen den Konferenzluft-Wechsel. "Mit der Passkontrolle überschreitet man auch Grenzen im Kopf", sagt Rainer Niermeyer, Mitglied der Geschäftsführung und Partner bei Kienbaum Management Consultants in Gummersbach. Er hat an Seminaren teilgenommen und sie geleitet, im Ca'n Níspero, aber auch in so genannten Agro-Fincas, den restaurierten Gutshäusern der Insel. "Diese Umgebung setzt in kürzester Zeit intensive Prozesse im Gehirn frei", erklärt er. Davon hat er auch anderen Geschäftsleuten berichtet: "Die meisten sind begeistert. Sie sehen auch, dass es in diesen Zeiten ein Signal an die Mitarbeiter ist, wenn man für Seminare oder Workshops nicht das Bombast-Hotel, sondern kleine, individuelle Häuser wählt."

Christoph Schließmann bringt es auf den Punkt: "Im Sheraton am Flughafen Frankfurt für 300 Euro pro Nacht im Kerosingestank kann man vielleicht Buchhaltung machen. Unternehmensstrategien entstehen dort nicht."

Quelle: Handelsblatt

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