Ruhrgas kommt bei Investitionen nicht voran
Hängepartie bringt Eon-Töchter in Bedrängnis

Das Gerichtsverfahren zur Übernahme der Ruhrgas AG durch den Eon-Konzern kann sich noch lange hinziehen. Für Deutschlands größte Ferngasgesellschaft wird die Ungewissheit zum Problem - bei Großprojekten kann das Unternehmen nicht mitbieten. Aber auch der weitere Umbau von Eon stockt - insbesondere der Degussa-Verkauf.

DÜSSELDORF. Das juristische Tauziehen um die Fusion mit dem Eon-Konzern bringt die Ruhrgas AG zunehmend in Bedrängnis. "Für langfristige kapitalintensive Zukunftsprojekte sind wir gelähmt", heißt es aus dem Umfeld des Unternehmens, "wir können nur noch Routine fahren". Das Problem: Eon hat sich zwar die Anteile an der Ruhrgas gesichert, darf die Stimmrechte aber nicht ausüben. Im Aufsichtsrat sitzen nach wie vor Vertreter von Esso, Shell, Vodafone, BP und Thyssen-Krupp. Größere Investitionen lassen sich so nicht durchsetzen.

"Die Ruhrgas kann angesichts der derzeit noch offenen Aktionärsstruktur bei Großprojekten nicht mehr mitbieten", warnt der Essener Energieprofessor Dieter Schmitt, "die internationalen Konkurrenten teilen das Feld jetzt auf". Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann hatte jüngst eingeräumt, dass die Konkurrenten durch den Zeitverzug im Vorteil seien. Ein Beispiel: die Ausschreibung von 50 % der Erdgasaktivitäten des drittgrößten spanischen Energieversorgers Union Fenosa.

Das ist längst nicht alles. Sowohl in Norwegen als auch in Russland bieten sich rentable Einstiegschancen bei Förderprojekten. Vor allem könnten die Essener den Anschluss im zukunftsträchtigen Geschäft mit verflüssigtem Erdgas (LNG) verlieren. Ausländische Konkurrenten investieren derzeit kräftig in die Vertriebsstrukturen für LNG. Die Absatzprognosen für diesen CO2-armen Energieträger sind günstig. Noch vor fünf Jahren war LNG drei- bis viermal so teuer wie Pipeline-Gas aus Russland oder Norwegen, heute ist dieser Unterschied auf etwa 30 % zusammengeschmolzen, und das mit weiter sinkender Tendenz.

Die Ruhrgas besitzt eine Option auf die Errichtung eines LNG-Terminals in Wilhelmshaven. Dafür ist jedoch ein Investment in dreistelliger Millionenhöhe notwendig. Ohne einen Mehrheitsaktionär wie Eon bleibe ein Engagement ein frommer Wunsch, erklärt Energieexperte Schmitt. Ob Eon die Ruhrgas übernehmen kann ist aber fraglich - zumindest der Zeitpunkt. Eon-Chef Ulrich Hartmann wiederholt zwar gebetsmühlenartig, dass sein Unternehmen die Fusion durch alle Instanzen durchfechten werde, doch das kann dauern.

Nicht nur bei der Ruhrgas herrscht derzeit Unsicherheit. Durch die Fusion - kommt sie denn zu Stande - werden Beteiligungen im Wert von rund 3 Mrd. Euro verschoben. Bei zahlreichen Unternehmen, aus denen sich Eon und Ruhrgas wegen wettbewerbsrechtlicher Auflagen zurückziehen müssten, ist die Eigentümerfrage ungeklärt: bei der Verbundnetz Gas AG (VNG), der "ostdeutschen Ruhrgas", bei Deutschlands größtem Trinkwasserversorger Gelsenwasser, der Ferngasgesellschaft Bayerngas, den Stadtwerke Bremen oder beim niedersächsischen Regionalversorger EWE.

In Zeitnot gerät aber vor allem der Tausch Degussa - gegen Ruhrgas-Anteile zwischen Eon und RAG. RAG, die ehemalige Ruhrkohle, hat die Übernahme des Spezialchemikalienherstellers Degussa bereits im Sommer eingeleitet und den Aktionären ein Kaufangebot unterbreitet, dass von den meisten freien Aktionären angenommen wurde. Das Angebot ist aber an die Bedingung geknüpft, dass die RAG ihre Ruhrgasanteile bis 31. Januar 2003 an Eon übergeben kann. Die Frist verlängert sich zwar bei Verzögerung im kartellrechlichen Genehmigungsverfahren, am 31. März 2003 läuft sie aber endgültig ab. Sollte bis dahin keine Lösung gefunden werden, wäre das Geschäft hinfällig. Die Degussa-Aktie bliebe dabei nicht unbeschadet: Das Papier ist im September bereits aus dem Dax geflogen, weil der Anteil der frei handelbaren Aktien auf 7 % geschmolzen ist.

Druck spüren die betroffenen Unternehmen offensichtlich auch im Wettbewerb. Beispiel Verbundnetz Gas: In Branchenkreisen heißt es, Konkurrenten versuchten mit Hinweis auf die ungeklärte Zukunft der VNG, dort Kunden abzuwerben. "Ich kann dem Kunden nicht sagen, was er zu denken hat", räumt VNG-Chef Klaus-Ewald Holst ein. Dass eine Verunsicherung eintrete, sei durchaus möglich. Sein Unternehmen sei sich der Gefahr aber bewusst. Deshalb lege man hohen Wert auf Service und Kundenbetreuung. Außerdem will das Unternehmen selbst aktiv werden. Die VNG hat jüngst angedeutet, dass sie sich ihrerseits an der niedersächsischen EWE beteiligen möchte.

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