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Ruhrtriennale: Matthias Goerne triumphiert mit «Faust-Szenen»DPA-Datum: 2004-07-19 10:53:20

Bochum (dpa) - 800 Menschen können sich nicht irren: Spürbar indisponiert und ermattet kämpft sich der Sänger durch seine Noten, doch das Publikum applaudiert wie rasend. Der 1967 geborene Bariton Matthias Goerne sang in Bochum die Titelpartie in Robert Schumanns «Faust-Szenen» der Ruhrtriennale.

Bochum (dpa) - 800 Menschen können sich nicht irren: Spürbar indisponiert und ermattet kämpft sich der Sänger durch seine Noten, doch das Publikum applaudiert wie rasend. Der 1967 geborene Bariton Matthias Goerne sang in Bochum die Titelpartie in Robert Schumanns «Faust-Szenen» der Ruhrtriennale.

Dort ist «Faust» dieses Jahr eines der wichtigen Themen. Eine Woche nach der Premiere der fantastischen und irrwitzigen Berlioz-Version «La damnation de Faust» drehte sich in der verinnerlichten und stilleren, dafür starbesetzten Version Schumanns alles um irdische Qual und jenseitige Erlösung.

Zwischen 1844 und 1853 entstand das Werk Schumanns - fast gleichzeitig mit der Konzertoper Berlioz'. Und wie dieser konnte sich auch der deutsche Komponist bei der Gattung seines neuen Werks nicht festlegen. «Was meinen Sie zu der Idee, den ganzen Stoff als Oratorium zu behandeln? Ist sie nicht kühn und schön?», schrieb Schumann 1844 in einem Brief. Der «ganze Stoff» - das sind vor allem Szenen aus dem zweiten Teil von Goethes «Faust», während die meisten Komponisten sich für den dramatischeren ersten Teil entschieden. Doch Schumann ging es um die Erlösungsmystik am Ende der Tragödie.

Neben den Sängerstars Goerne, Christiane Oelze (Sopran) und David Kuebler (Tenor) überzeugen in dem von Sylvain Cambreling geleiteten, fast ausverkauften Konzert vor allem der Slowakische Philharmonische Chor und der Knabenchor der Chorakademie Dortmund. Strahlend singen die Chöre die Verse über Fausts Erlösung, den Aufstieg in den Himmel: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.» Apotheose. Glänzend und inspiriert musiziert das SWR-Sinfonieorchester - und mausert sich so zum Protagonisten der Aufführung. Ein sahnig-sinnlicher und reicher Klang erfüllt die alte Industriehalle.

Doch im Mittelpunkt steht der Faust in der vokalen Verkörperung von Matthias Goerne, der Aufmerksamkeit und Konzentration gleichsam kommandieren kann. Das Timbre der Stimme bleibt trotz Krankheit erlesen: Goerne hören heißt verstehen, an welch harsche Klänge sich Konzert- und Opernbesucher heute gewöhnt haben. Der Farbenreichtum der Stimme zeigt deutlich die Handschrift seiner Lehrmeisterin Elisabeth Schwarzkopf, der großen deutschen Sopranistin. Und selbst, wenn Goerne sich quält, ist er der Musik Schumanns näher als der mit knorriger Stimme singende Bass Frode Olsen in den Rollen des Mephisto, des bösen Geistes und des Pater Profundus.

Ein Gretchen mit leuchtender Tongebung und leichter Höhe singt Sopranistin Christiane Oelze, sonst vor allem durch Mozart-Opern bekannt. Der amerikanische Tenor David Kuebler bewältigt seine Rollen als Ariel und Pater Ecstaticus sicher, allerdings wegen gequetschter hoher Töne nicht immer wirklich klangschön.

Tatsächlich ist vor allem der Tragödie zweiter Teil von Goethe zumindest opernähnlich angelegt - wenn auch der Dichter an der Möglichkeit musikalischer Umsetzung zweifelte. Die angemessene Musik zu schreiben, traute er ohnehin nur Mozart zu. Doch der war bereits tot. So war der Weg frei - etwa für Schumann und Berlioz. Deren Vertonungen zählen denn auch nach Ansicht von Ruhrtriennale-Intendant Gerard Mortier zu den großen Kompositionen des Stoffes.

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