Rumsfelds Vordenker will den Nahen und Mittleren Osten neu ordnen
Ganz vorne im Krieg der Worte

Paul Wolfowitz sieht nicht aus, als wolle man ihm spontan die Hand schütteln. Die Stirn ist zerfurcht, der Blick düster. Hinzu kommt, dass er leise und monoton redet. Dass hier einer der einflussreichsten Politiker im Kabinett von US-Präsident George W. Bush vor einem sitzt, ist auf Anhieb nicht erkennbar. Doch den US-Vizeminister für Verteidigung darf man ohne Übertreibung als Vordenker des jetzigen Krieges im Irak bezeichnen.

WASHINGTON. So unspektakulär Wolfowitz daher kommt: Seine Aussagen haben es in sich. "Wir brauchen einen Wechsel in Syrien", sagte er in diesen Tagen angesichts der Meldungen, dass das Land dem Irak geholfen habe. Das klingt wie "Regimewechsel" - jene Kampf-Vokabel, mit der die Amerikaner vergangenen Sommer die Kampagne gegen Saddam Hussein eingeleitet haben. Der drohende Unterton ist dabei erwünscht: "Eine Militär-Aktion gegen Syrien ist Sache des Präsidenten und des Kongresses", antwortete er auf die Frage, ob dem verbalen Krieg auch Taten folgen würden.

Auch schon vor dem aktuellen Irak-Konflikt war Wolfowitz einer der ersten, die eine Konfrontation im Nahen Osten für unausweichlich hielten. Am 15. September 2001, vier Tage nach den Anschlägen in New York und Washington, malte der Pentagon-Vize im Nationalen Sicherheitsrat ein düsteres Gemälde an die Wand: Der Krieg gegen den Terrorismus könne nur mit dem Sturz Saddams gewonnen werden. Zu jener Zeit war dies noch die Meinung eines Außenseiters.

Wolfowitz? Obsession mit dem Regime in Bagdad hat eine lange Vorgeschichte. Bereits 1979 verfasste der damalige Abteilungsleiter im Pentagon ein Papier, in dem der Satz vorkam: "Es ist wahrscheinlich, dass wir mit dem Irak zunehmend einen Dissens haben werden." In jener Epoche stand Wolfowitz allein auf weiter Flur, denn die US-Administration hatte ganz andere Sorgen: Der schiitische Gottesstaat im Iran galt als größtes Ärgernis in der Region. Um das Risiko eines Exports der islamischen Revolution einzudämmen, hofierten die Amerikaner das irakische Regime als Gegenpol. Für Wolfowitz war dies ein Fehler - genau wie die Tatsache, dass die US- Truppen nach dem Golfkrieg 1991 nicht nach Bagdad marschierten.

Seine Anhänger feiern den 57-Jährigen als visionären Denker, der strategische Entwicklungen früh erkennen kann. "Wolfowitz ist sehr intelligent", schwärmt der Vize des vereinten Generalstabes, Peter Pace. "Er hat den Mut, zu seinen Überzeugungen zu stehen - auch wenn er damit bei anderen aneckt." Seine Kritiker werfen ihm dagegen politische Naivität vor, die die Gefahr eines Anti- Amerikanismus wachsen lasse. "Er ist mit seinem Weltbild in der Reagan-Ära stehen geblieben - für ihn gibt es nur schematische Kriterien", sagt einer, der ihn lange kennt.

Der Geschichte liegt nach Wolfowitz ein politisches Naturgesetz zu Grunde, das die Demokratie zum Endzweck hat. Es ist eine Art "Vorsehung", die von vielen Denkern aufgegriffen und mit der Führungsrolle für Amerika verknüpft wurde. "Als ich vor 20 Jahren den Job eines Außen-Staatssekretär hatte, war Japan die einzige Demokratie in Ostasien", führt Wolfowitz gerne als Parallele an. "Danach folgten Korea, Taiwan und die Philippinen. Ich glaube, dass wir den gleichen Fortschritt in der muslimischen und arabischen Welt erreichen können."

Lange bevor die Denkfabriken in Washington von der "Domino- Theorie" sprachen, hatte der Pentagon-Vize das Konzept bereits in der Tasche: Der Sturz Saddams werde eine Eigendynamik entfalten und die Erosion weiterer Regimes im Nahen Osten nach sich ziehen. Den Vorwurf ideologischer Hauruck-Lösungen weist der Politiker freilich von sich. Er begreife seine Philosophie eher als "evolutionär" denn als "revolutionär", beschwichtigt er.

Wolfowitz ist ein Intellektueller, ohne dass seine Sprache überfrachtet wirkt. Das mag an der seltenen Kombination seiner akademischen Ausbildung liegen: Er hat sowohl ein Diplom in Mathematik als auch in Politikwissenschaft. Seine Vorliebe für strategische Denkspiele in internationalen Beziehungen verfeinerte er durch seine Lehrtätigkeit an den Elite-Universitäten Yale und Johns Hopkins.

Mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gebe es eine klare Rollenaufteilung, die reibungslos verlaufe, heißt es im Pentagon: Der Chef verstehe sich als General-Manager und Koordinator, der das Rampenlicht suche. Sein Vize sei dagegen für die langfristigen Politik-Entwürfe zuständig und weniger eitel. In Washington gilt Wolfowitz als der einflussreichste Pentagon-Vize in der Geschichte der USA.

Dies lässt sich auch an der aktuellen Entwicklung ablesen. In der Anfangsphase der Regierung Bush trat Wolfowitz als Speerspitze der "Fal-ken" auf. Heute spricht das Kabinett flächendeckend von einer Neuordnung und "Demokratisierung" des Nahen Ostens. Auf die Grund- Koordinaten der Außenpolitik hat das Pentagon mittlerweile den größten Einfluss - es ist der stille Triumph des Paul Wolfowitz.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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