Rund 300 Verdächtige festgenommen
Umsturzversuch in Afghanistan aufgedeckt

Die Behörden in Afghanistan haben nach eigenen Angaben einen Umsturzversuch gegen die Interimsregierung in Kabul aufgedeckt. Rund 300 Verdächtige wurden festgenommen. Die Verschwörer hätten eine Serie von Bombenanschlägen in der Hauptstadt vorbereitet, sagte der Leiter der Sicherheitsabteilung im Innenministerium, General Din Muhammad Dschurat, am Donnerstag.

wiwo/ap KABUL. Die meisten Festgenommenen sind Mitglieder der fundamentalistischen muslimischen Organisation Hesb-i-Islami, die von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Gulbuddin Hekmatjar angeführt wird, wie Dschurat ausführte. Es gebe Hinweise auf eine Verwicklung Hekmatjars in die Verschwörung. Ein Sprecher der Hesb-i-Islami sagte, bei den Festgenommenen handele es sich um Ex-Mitglieder. "Diese Berichte, wonach unsere Leute festgenommen wurden, sind falsch", erklärte Kutbuddin Hilal.

Nach Angaben des Leiters der Sicherheitsabteilung im Gouverneursbüro von Kabul, Mohammed Nasir, wurden insgesamt 350 Personen in Haft gesetzt. Die meisten Festnahmen seien in den vergangenen drei Tagen erfolgt. Die mutmaßlichen Verschwörer hätten sowohl Beziehungen zu Hekmatjar als auch zur El Kaida gehabt. Sie hätten offenbar auch geplant, die voraussichtlich im Juni tagende Loja Dschirga (Große Ratsversammlung) zu stören. Die Loja Dschirga soll eine weitere Übergangsregierung bestimmen, bevor im Jahr 2004 eine neue Verfassung in Kraft treten und Wahlen angesetzt werden sollen.

Der Sprecher der internationalen Schutztruppe in Afghanistan, Neal Peckham, sprach von 300 Festnahmen sowie Waffenfunden. Unter den Festgesetzten seien auch Mitglieder der fundamentalistischen pakistanischen Organisation Jamaat-e-Islami. Soldaten der Schutztruppe seien an der Polizeiaktion nicht beteiligt gewesen.

Der in den vergangenen Jahren im iranischen Exil lebende Hekmatjar hatte sich in den vergangenen Monaten wiederholt gegen die afghanische Interimsregierung gestellt, weil sie von den USA eingesetzt worden sei. Im März erklärte jedoch ein Vertrauter des Paschtunen, Hekmatjar sei zur Zusammenarbeit mit der Regierung in Kabul bereit.

Während des Krieges gegen die sowjetische Besatzung der 80er Jahre wurde Hekmatjar von den USA und Pakistan unterstützt. Nach dem Sturz des von Moskau eingesetzten Nadschibullah-Regimes 1992 gehörte er der neuen Regierung in Kabul an und wurde 1995 schließlich Ministerpräsident. Aus dem Bürgerkrieg bis 1996 werden ihm zahlreiche Gräueltaten zur Last gelegt. Den Kämpfen zwischen verschiedenen Gruppen der Mudschahedin fielen damals mehr als 50 000 Menschen zum Opfer. Nach der Machtergreifung der Taliban 1996 flüchtete Hekmatjar nach Iran. Wo er sich derzeit aufhält, ist nicht bekannt.

Der afghanische Ministerpräsident Hamid Karsai traf unterdessen zu Gesprächen über die künftige türkische Rolle in der Afghanistan-Schutztruppe in Ankara ein. Die Türkei hatte sich am Montag grundsätzlich dazu bereit erklärt, die Führung von Großbritannien zu übernehmen. Die Regierung forderte dafür unter anderem finanzielle Unterstützung und ein klares Ausstiegsszenario für die militärische Mission, deren UN-Mandat zunächst bis Juni befristet ist. Eine Delegation der türkischen Streitkräfte unter Leitung von General Akin Zorlu flog zur Sondierung der anstehenden Aufgaben nach Kabul.

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