Runde ist ein Arbeiter
Hamburg ist eine gnadenlose Stadt

Die Wirtschaft boomt, die Geldquellen sprudeln - aber die Wähler in Hamburg wollen Rot-Grün nicht mehr. Sie könnten mit CDU-Mann Beust und dem Populisten Schill leben, das zeigen Umfragen. Bürgermeister Runde will das einfach nicht verstehen - und wird deshalb wohl verlieren.

HAMBURG. Zimmerleute mit riesigen schwarzen Hüten haben sich oben auf der hölzernen Brüstung aufgebaut. Unten harren 600 geladene Gäste in edlem dunklen Tuch und spätsommerlicher Seide aus. Ist ein Ereignis von wirklicher Bedeutung, weiß es auch der zurückhaltende Hanseat angemessen zu zelebrieren. Und das Richtfest für das modernste Wohngebiet Hamburgs in Langenhorn, das ist ein solches Spektakulum, das der großen Bühne bedarf.

Als selbige der Erste Bürgermeister der zweitgrößten deutschen Stadt, Ortwin Runde, betritt, ebbt das Gemurmel kaum ab. Auch als er das Beton-Podest erklettert und etwas ungelenk an die Rednerkanzel tritt, klingen weiter Sektgläser aneinander. Das ist nicht böse gemeint, denn jeder hier kennt den Ortwin Runde. Die interessante, kraftvolle Rede aus dem Stegreif gehört nicht eben zu seinen Stärken, weiß man und hört sogleich den Beweis: "Es gibt viele Vorurteile gegen Hamburg, und eines betrifft das Wetter", beginnt der Regierungschef seine Ausführungen. So ist er eben, der Ortwin.

Ein Arbeiter ist er, aber kein Repräsentierer. Exzellente Wirtschaftsdaten hat er in Hamburg geschaffen, optimale Finanzzuflüsse organisiert und dennoch - die Hamburger wollen ihn offenbar nicht mehr. In den Umfragen zwei Wochen vor der Landtagswahl ist das Ungeheuerliche bereits geschehen: Die SPD verliert nach 44 Jahren die Festung Hamburg. Das hat mit dem rasanten Aufstieg des rechtspopulistischen Amtsrichters Ronald Barnabas Schill zu tun, aber auch mit Runde selbst.

Die Hamburger wollen mehr Biss

In den feinen Übersee-Club würde man den blassen Sozialdemokraten Runde wohl nicht gerade einladen, genauso wenig wie zur Party auf einer der exklusiven Yachten im Hafen. Er glänzt nicht wie der vornehme Klaus von Dohnanyi, er wetterleuchtet nicht wie der wenig geliebte Henning Voscherau. Doch nach etwas mehr Auftreten, nach etwas mehr Biss an der Spitze des Stadtstaates steht den Hamburgern offensichtlich der Sinn.

Wie anders ist es zu erklären, dass CDU-Widersacher Ole von Beust sich anschickt, ins Bürgermeister-Zimmer umzuziehen? Einer, der sich zwar gut verkaufen kann, eigentlich aber kein eigenes, aussagekräftiges Programm hat. Und wie ist es sonst möglich, dass sich ein Amtsrichter, dem die Medien das Etikett "Gnadenlos" umgehängt haben, mit markigen Sprüchen vor den Kameras schon jetzt als künftiger Innensenator gebärdet?

Ganz verstehen, dass die Hamburger mehrheitlich ihre Stimme diesmal wohl anderen geben werden, kann das der Sozialdemokrat Runde immer noch nicht. Ist ihm doch öffentliche Selbstdarstellung ein Graus. "Ich bin kein Möllemann, ich werde nie mit dem Fallschirm über der Außenalster abspringen", sagt er bei der Rückfahrt in die Stadt. Authentisch wolle er bleiben. "Ich gehöre zu denen, die Politik nicht als Politikdarsteller machen."

Seit Schill telefoniert Müntefering täglich mit Hamburg

Diese Treue des Frontmannes zu sich selbst - bisher war das kein Problem beim SPD-Projekt Machterhalt in Hamburg. Doch als Richter Schill kam, das Thema Innere Sicherheit aufgriff und sich in den Umfragen als feste dritte Kraft etablierte, seitdem telefoniert auch SPD-Generalsekretär Franz Müntefering fast täglich mit Hamburg. Es besteht die reale Gefahr, dass das Bundesland die politische Farbe wechselt und der Auftakt zum Jahr vor der Bundestagswahl gründlich danebengeht.

Die Parteistrategen im Berliner Willy-Brandt-Haus haben das lange völlig verkannt. Während sich die Truppe um SPD-Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig ganz auf die Schlacht um das Rote Rathaus in Berlin konzentrierte - das neue Abgeordnetenhaus dort wird am 21. Oktober gewählt -, geriet die Entwicklung an der Alster aus dem Blick. Vor allem die immer größer werdenden Schwierigkeiten Rundes mit der Springer-Presse wurden nicht früh genug wahrgenommen.

"Der Vorwahlkampf ist zu Ende. Wir wollen 40 Prozent", verkündet Müntefering trotzig, als er mit Runde den wenig publikumswirksamen Besuch bei der jungen Hamburger Arbeitsvermittlungsfirma Plus Punkt hinter sich gebracht hat. Was er denn noch so für die letzten Tage vor der Wahl in petto habe? "Da ist meine Antwort", sagt Müntefering, greift in die Tasche des Jacketts und zieht eine Wahlkampfpostkarte hervor, die von Beust als Handpuppe Schills zeigt. Ob das reicht?

Szenenwechsel. Ortstermin beim möglichen neuen Regierungschef der 1,7 Millionen-Metropole. Computer, Designer-Stühle, über dem dunkelbraunen Kassettenholz an der hellen Wand das Bild eines Hauses, welches Flügel besitzt. "Schön, nicht?" In einem Fragebogen hat Ole von Beust auf die Frage nach seinem Traum vom Glück einmal angegeben: "An der Alster zu liegen, mit Sandstrand unter Palmen bei 28 Grad."

Aus dem jungen Wilden ist ein besonnener Politiker geworden

Das hätte Ortwin Runde bestimmt nie so hingeschrieben. Aber Beust ist ja auch nicht Runde, obwohl er mit ihm viel gemeinsam hat, wenn es um die Zukunft der Stadt geht. Die 1,3 Milliarden Mark Hilfe für den Bau des Riesen-Airbus A 380? Keineswegs zu viel. Das größte Städtebauprojekt Europas, die "Hafen-City"? Da gibt es "im Grundsatz" Einigkeit. Aus dem Jungen Wilden von Beust, dem Kohl-Kritiker früherer Tage, ist ein besonnener Oppositionsführer geworden, der zugeben kann, dass vieles, wenn auch noch längst nicht alles, auf dem richtigen Weg ist. Einer, dem die Wähler offenbar zutrauen, Hamburg auch nach außen zu "verkaufen".

Und das ist immerhin eines der Schlüsselprobleme der Hafenstadt. "Tue Gutes und rede darüber - letzteres ist der Natur unseres Bürgermeisters fremd", sagt Professor Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer vor Ort, der eigentlichen Macht an der Alster. "Manche haben ein gutes Marketing, aber nichts im Regal." In Hamburg sei es umgekehrt: Dort sei in vielen Bereichen sehr effektiv gearbeitet worden, aber es werde nicht nach außen verkauft. Braucht Hamburg jetzt also nicht den Arbeiter Runde, sondern den Image-Bringer von Beust, das neue Gesicht für das Elbe-Reich der Werbeagenturen und Magazin-Redaktionen?

Internationales Interesse am "Richter Gnadenlos"

Sollte dem CDU-Fraktionschef wirklich der Sprung an die Spitze des Rathauses gelingen, müsste er vor allem dafür sorgen, dass nicht ein anderes Gesicht das seine verdrängt. Schon jetzt interessiert sich das Ausland für den steilen Aufstieg des Richters Schill, dessen Forderungen nach drakonischen Strafen für die schwarzen Schafe der Gesellschaft so sehr an österreichische Vorbilder erinnern. Wenn es dem Unionsmann nicht gelingt, einen womöglich gnadenlosen Innensenator zu neutralisieren, würde statt seines Konterfeis wohl das Schills künftig für Hamburg stehen.

Doch noch ist Zeit bis zum Wahlsonntag. Runde unterhält zwar zum Bundeskanzler ein eher sachliches Verhältnis, doch Gerhard Schröder wird sich für seinen Genossen im Wahlkampf schon aus übergeordneten Gründen noch einige Male ins Zeug legen. Und wenn es eines gibt, was einen Hanseaten wirklich beeindrucken kann, dann ist es unerschütterliche Gelassenheit. Nach dem Treffen mit Müntefering jedenfalls besucht der Erste Bürgermeister Runde mit seiner Kieler Amtskollegin Heide Simonis die Vorarbeiten für ein mögliches 7,6 Milliarden Mark teures Teilchenbeschleuniger-Projekt beim Deutschen Elektronen-Synchrotron. Geplante Fertigstellung: Im Jahr 2011.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%