"Runder Tisch" soll Rezepte zur Genesung des Neuen Marktes vorlegen
Schlapp gemacht

Die "Penny-Stocks" sollen vom Kurszettel des Neuen Marktes verschwinden. Das allein genügt aber nicht, um den Image-Schaden zu beheben.

Die Herztöne des Patienten werden immer schwächer - am Dienstag dieser Woche markierte der Nemax 50 für den Neuen Markt mit 1 124 Punkten ein neues Jahrestief. Auch bei der Deutschen Börse AG hat man die Zeichen der Zeit erkannt und drängt zum Handeln, quasi eine Notoperation in letzter Sekunde.

Um die nicht mehr vorhandene Reputation des einstigen Wachstumssegments wieder herzustellen, haben sich jetzt Experten der Börse, der Emissionsbanken, der Anlegerschützer sowie der Fondsgesellschaften im "Primary Markets Advisory Committee" beraten - ein "runder Tisch", der Empfehlungen zur Genesung vorlegt.

Im Mittelpunkt der Diskussionen steht dabei die Idee, die "Penny- Stocks" vom Kurszettel zu verbannen, also Titel, die unter einem Euro notieren - beziehungsweise eine "niedrige Bewertung haben", wie es die Deutsche Börse formuliert - und die nur noch Spielball der Spekulanten sind.

Entscheidend könnte die Marktkapitalisierung sein

Schnell wurde den Beteiligten klar, dass ein Kurs unter einem Euro über einen Zeitraum von vielleicht einem Monat als einziges Kriterium nicht ausreicht, um die Kellerkinder über ein Delisting (Streichen vom Kurszettel) loszuwerden. Außerdem könnten findige Vorstände einen Rauswurf hinauszögern, indem sie Aktien zusammenlegen. "Ich warte täglich darauf, dass ein Unternehmen so etwas wie einen Reverse-Split ankündigt, um sich vor dem drohenden Delisting zu schützen", sagt Helmut Menhart von der GZ-Bank.

Tabelle: Kellerkinder am Neuen Markt

Entscheidend für einen Verbleib am Neuen Markt könnte eher die Marktkapitalisierung sein - zehn Millionen Euro wurden hier schon mal von einer deutschen Fondsgesellschaft als Untergrenze genannt, was angelsächsische Adressen als viel zu niedrig ansehen. Weitere Kriterien könnten der Streubesitz, das Handelsvolumen und Insolvenzverfahren sein. Außerdem wollte sich die Börse dem Vernehmen nach Ausnahmen vorbehalten, etwa für solche Firmen, die in der Spätphase des Booms an die Börse kamen. Erste offizielle Veröffentlichungen der Deutschen Börse wurden für Ende dieser Woche erwartet.

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, sollten sich Anleger, die immer noch Penny-Stocks besitzen und keine Zocker sind, am besten von ihren Billigpapieren trennen. Denn der Verbleib der Titel nach einem Delisting ist ungewiss. Nach dem bisherigen Regelwerk der Börse müssten die Unternehmen nach einem Delisting die Notierungsaufnahme im Geregelten Markt neu beantragen und dafür eine begleitende Bank finden. Sollte das nicht klappen, würden sie vielleicht im Telefonverkehr landen.

Der Anleger muss dann "erhebliche Einschränkungen bei der Veräußerbarkeit hinnehmen", wie es Carsten Heise, Geschäftsführer bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), formuliert.

Damit die privaten Investoren nicht kalt erwischt werden, wäre außerdem die Einführung von Wartefristen zwischen Ankündigung und Vollzug eines Delistings wünschenswert.

Angelsächsische Investoren verfolgen die Reformen aufmerksam

Der Nutzen eines erweiterten Regelwerks der Börse für die Anleger wird erst einmal nicht fühlbar sein, eher mittelfristig dürften sie vom sich bessernden Image des Neuen Marktes profitieren. Das Delisting ist für die Fondsgesellschaft Union Investment sowieso erst die halbe Miete. Ihre Forderung: Meldepflichtige Wertpapiergeschäfte von Vorständen und Aufsichtsräten sollten künftig nicht nach den Transaktionen, sondern einige Tage vorher bekannt gemacht werden. So hätten die Anleger genügend Zeit, sich zu überlegen, wie sie reagierten. Das Grundproblem am Neuen Markt seien nicht neue Regeln, sondern deren Überwachung. "Was nützen strengste Regeln, wenn sie keiner überprüft", fragt sich Wassili Papas, Fondsmanager des Uni Neue Märkte. Wenn Vorstände mit falschen Ad-hoc-Mitteilungen ungerechtfertigt Vermögen erzielten, müsse dieser Vermögensanteil plus Strafgeld eingezogen werden. In der Praxis seien die Strafen dagegen im Vergleich zu den erzielten Erlösen nur ein Trinkgeld, so Papas.

Auch an anderer Stelle sieht man die wahre Reformbaustelle nicht an der Börse, sondern im Aufsichtsbereich und bei den Gerichten. Ein Finanzexperte, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will, hält das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) für "schwach aufgestellt". Es mangele im Vergleich zur gefürchteten US-Börsenaufsicht SEC an "Biss und Know-how". Aber auch die Staatsanwälte tun sich noch schwer. 2000 kam es in Deutschland zu einer einzigen rechtskräftigen Verurteilung wegen Insiderhandels.

Vor allem angelsächsische Investoren verfolgen die Reformen aufmerksam. Erst wenn sie wieder ordern, werden auch Kleinanleger hier zu Lande steigende Kurse genießen können.

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