Rush Hour
Abweichen. Aber richtig.

Irgendwie schon traurig, das Fähnlein der sechs Aufrechten in der SPD. Wie es niedersank in der Auseinandersetzung mit dem Kanzler. Einfach so, aus Überzeugung. Rebellen gegen den Kanzler, Ritter für die soziale Gerechtigkeit, Gewissensparlamentarier aus tiefster demokratischer Tradition, das wollten sie sein.
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Irgendwie schon traurig, das Fähnlein der sechs Aufrechten in der SPD. Wie es niedersank in der Auseinandersetzung mit dem Kanzler. Einfach so, aus Überzeugung. Rebellen gegen den Kanzler, Ritter für die soziale Gerechtigkeit, Gewissensparlamentarier aus tiefster demokratischer Tradition, das wollten sie sein. Mutig irgendwie. Und tollkühn. Und schlichen sich davon: abgemeiert, abgemeldet und angeschmiert. Sie stimmen mit. Bei den Sozialreformen, sagen sie jetzt. Weil sie ja nicht wollen können, dass der Kanzler stürzt.

Wer denkt, dass es nach einer solchen Niederlage nicht noch schlimmer werden kann, der täuscht sich gewaltig. Es kann noch schlimmer kommen. Und es wird noch schlimmer: Die eigene Karriere im Parlament - abhaken. Kein Ausschuss, keine Landesliste will sie mehr. Lorbeer von der Gewerkschaftsseite oder den Laienbewegungen der großen Kirchen - ziemlich unwahrscheinlich. Nein: Das Schicksal der gewesenen SPD-Abweichler im Bundestag wirft die Frage auf: Lohnt sich Abweichen überhaupt? Und wenn ja, für wen? Und wann?

Dazu muss man erst einmal ganz ehrlich sein. Warum will ich überhaupt abweichen. Abweichen ist anstrengend, riskant und verändert die eigene Rolle nachhaltig. Warum also?

1. Abweichen, aus Überzeugung: Was soll er nur tun, der Überzeugte? Hin und her hat er sich gewälzt in seinem Bett. Und hat nachgedacht, wie er die Sache ritzen kann. Man will sich ja nicht umbringen dafür, denkt er sich. Aber etwas Falsches mitmachen, zumal dann, wenn es vom Abteilungsleiter nebenan stammt? Etwas, von dem alle wissen, dass es nicht klappen kann? Nein, das kann ich nicht, sagt der Überzeugte. Wäre ja noch schöner. Ich hole die Kastanien aus dem Feuer und dann? Dann bin ich dran, und die anderen profitieren. Nur, weil ich schlau und aufrichtig bin und alle anderen nicht. Aber sagen kann ich meine Meinung ja. Das ist das Beste. Beim nächsten großen Meeting stelle ich mich ganz hinten hin, und dann sage ich ganz ganz leise meine Meinung. Weiche ab. Einfach so vor mich hin.

2. Abweichen, weil alle anderen ja auch abweichen: Leichter ist das Abweichen für den Mitläufer. Wochenlang schon beobachtet er sie, wie sie in der Kantine zusammensitzen, die Meinungsführer. Er lauert auf die zerquälten Minen, die sich irgendwann in die "Ich mach? es jetzt, egal was es kostet"-Gesichter verwandeln. Klar, dass er selbst sich erst mal tot stellt. Nichts bemerkt von den ganzen Umtrieben, wirklich, wird er später sagen. Ihr hättet mich ja auch mal fragen können. Wäre sofort dabei gewesen bei der Rebellion. Und hätte für den Kassenführerposten kandidiert. Aber jetzt, lächelt er verschämt, wenn er sieht, wie der Ex-Chef aus dem Haus hastet und von seiner Frau abgeholt wird, weil der Dienstwagen in der Firma bleibt, jetzt lächelt der Mitläufer also, hat es ja gerade noch gereicht. Weiche mutig mit ab. Bevor die letzten Nachhut-Scharmützel beendet sind. Und bewerbe mich schon mal für das Kreativ-Team: Was jetzt alles anders werden muss.

3. Abweichen, weil es sonst nie was wird mit dem Posten ganz oben. Der Killer weicht ab aus Prinzip. Ohne zu zögern. Er beißt zu, bevor ein anderer noch überhaupt eine Kontroverse ausgemacht hat. Weil es keine gibt. Der Killer hat verstanden, wie es geht beim richtigen Abweichen: Zuerst wird abgewichen, und dann erst wird überlegt, wovon. Alles andere ist Zeitverschwendung.

Der Trick des erfolgreichen Abweichens ist zu wissen, dass es mit Stänkern alleine nicht getan ist. Das ist allenfalls die Vorbereitung für Höheres: Wer stänkert, muss auch stürzen wollen. Alles andere geht schief.

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