RUSH HOUR
Bringen Sie Menschenopfer!

Sie sind wieder da. Hungrig sind sie geworden in all den Jahren, in denen niemand auf ihre Bedürfnisse geachtet hat. Wütend und gelegentlich sogar blutrünstig. Sie verlangen Opfer. Menschenopfer, um genau zu sein.

Sie sind wieder da. Hungrig sind sie geworden in all den Jahren, in denen niemand auf ihre Bedürfnisse geachtet hat. Wütend und gelegentlich sogar blutrünstig. Sie verlangen Opfer. Menschenopfer, um genau zu sein.

Jahrelang haben sich unsere Unternehmen, Betriebsstätten, Konzerne und Organisationen damit begnügt, träge herumzulungern. Maunzend haben sie in ihren Ecken gelegen und sich von den Chefs und den Angestellten füttern und am Nasenring herumführen lassen. Gutmütig schnurrten sie, wenn die Autos auf dem Firmenparkplatz immer mehr und immer dicker wurden, wenn ihre Bäuche mit immer mehr Schreibtischen angefüllt wurden, an denen immer mehr neue Kollegen mit immer wilder gemusterten Krawatten Platz nahmen.

Sogar die alltäglichen Beleidigungen und Demütigungen haben sie über sich ergehen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken: "Guck mal, es frisst mir aus der Hand", haben sie die Chefs sagen lassen, wenn die ihre liebsten Angestellten in den allerobersten Etagen etabliert hatten und ihr Reich zur Schau stellten.

Geduldig ertrugen sie sogar das "Schau, wie putzig, es macht Männchen, wenn ich das will" der CEOs, CFOs und COOs, wenn wieder einmal ein paar neue Optionsprogramme für die Führungskräfte ausgegeben wurden. Und sie haben es langmütig geduldet, dass immer größere und noch buntere Blumengestecke auf den Empfangstresen aufgetürmt wurden.

Nett waren sie, die WestLB und die Bahn AG, die IG Metall und Reemtsma, die Firmen und Verbände, die Konzerne und Gewerkschaften. Einfach zu nett. Zu den Chefs und Angestellten, den Präsidenten und Büroboten, die ein- und ausgingen und sich benahmen, als seien sie die Firma.

Eines Tages aber wachten sie auf, schauten in den Spiegel - und wurden wütend. Schrecklich wütend. Sie beschlossen, es den Angestellten und Eigentümern zu zeigen. Dass das Unternehmen die Firma ist. Dass nicht sie austauschbar sind, sondern die Belegschaft. Von unten bis oben. Und dass dann trotzdem noch etwas übrig bleibt.

Die Chefs erkannten als Erste, worauf alles hinausläuft. Verzweifelt bemühten sie sich um einen Friedensschluss: Sie schafften die großen Blumengestecke aus dem Haus, die Kicker aus dem Pausenraum, die Espressoautomaten aus der Kaffeeküche.

Doch die Bestien ließen sich nicht mehr beruhigen. Zuerst fegten sie nur die Dienstwagen von den Parkplätzen und putzten ein paar Tantiemen von der Platte. Danach legten sie sich wieder schlafen, für ein paar Tage.

Dann, eines Tages, als alle dachten, nun sei das Schlimmste geschafft, die Firmen seien wieder bei Laune, vergriffen sich die größten und trägsten von ihnen an den ersten Mitarbeitern.

Und die Chefs reagierten, wie alle Chefs in allen Unternehmen reagieren: Sie warfen den Furien ein paar Kollegen aus der Lagerhaltung zum Fraß vor. Als das nicht reichte, waren die Sachbearbeiter dran, dann der Außendienst, danach die mittlere Führungsebene. Zum Schluss opferten die Chefs sogar noch ihre liebste Assistentin.

Doch es half nichts: Denn nun spürten die Firmen den Schweiß, den Angstschweiß. Und die Chefs begannen zu ahnen, dass sie ihre eigene Haut nicht retten können. Diesmal nicht.

Als die ersten Unternehmen ihre Chefs genüsslich verspeist hatten, nachdem sie - wie alle guten Deutschen - einen leisen Rülpser ausgestoßen hatten und die Wut dann irgendwie einfach verschwunden war - da kam der Aufschwung.

Ursula Weidenfeld leitet das Wirtschaftsressort des "Tagesspiegels"

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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