Rush Hour
Der Casual Friday ist tot!

Zugegeben, er gehörte zu den schlauesten Erfindungen der letzten zehn Jahre. Mitten im Raubtierkapitalismus hat der Casual Friday dafür gesorgt, dass sich alle doch noch ein bisschen zu Hause fühlen konnten.
  • 0

Ein Tag in der Woche, an dem zuerst die Amerikaner, dann die Engländer und dann auch wir leger zur Arbeit kommen dürfen. Ein Tag, an dem sich heute ganz Kontinentaleuropa ganz bewusst ganz unvollkommen und ganz unkonventionell kleidet. Das ging bis dahin nur beim Betriebsausflug. Jetzt ging es immer.

Sich im Job genau so anzuziehen, wie der Chef zu Hause herumläuft. Bevor er den Rasen mäht. Oder zum Golf geht. Helle Hosen, karierte Hemden, Schuhe mit Gummisohle. Während man selbst freitags bis dahin . . . Na ja.

Freitags im Büro. Zu Hause am Schreibtisch. Ein bisschen lockerer als sonst, ein bisschen näher am Chef, an der Sonne. Zuerst waren die großen Banken dran, dann rüsteten die Berater ihre dunklen Dreiteiler ab. Etwas später die Energieversorger, ganz zum Schluss der Einzelhandel und das Verlagswesen.

Gut, es wurde schon sonderbar, als bei den geschmackssicheren Frankfurter Großbanken am Freitag die ersten karierten Hemden mit Manschettenknöpfen auftauchten. Als in den neureichen Berliner Gendarmenmarkt-Büroetagen diagonale Streifen auf das Oberhemd gedruckt wurden und die Hosen strenge Bügelfalten bekamen. Als in Hamburg die Menschen freitags auf einmal so aussahen wie schwule Kapitäne auf Landgang.

Aber, seien wir ehrlich: Das hat den Casual Friday nicht ruiniert. Die Sache fing erst an, richtig schief zu gehen, als die ersten Assistentinnen Casual Friday hielten. Als sie in dem Dress auftauchten, den sie anlegen würden, wenn sie die Frau des Chefs wären an Stelle der Frau des Chefs.

Statt Spaghetti-Träger-T-Shirts lehnten sich gegen Ende der Woche bauchfreie Bustiers über den Empfangstresen. Statt Schuhen schluchzten und schmatzten Pantoletten am nackten Fuß auf dem Weg in die Kaffeeküche. Und dann war auf einmal immer Freitag.

Bedenken wurden als Kleinlichkeiten abgeschmettert. Hauptsache, die Arbeit stimmt, oder?

Nur, dass die Chefs seitdem freitags lieber gar nicht mehr in die Arbeit kamen. Sie schirmten sich ab, beim Rasenmähen, in ihren Shorts und den ausgebeulten Hüten. Damit sie niemand sieht. Könnte ja der Respekt leiden, wenn man beobachtet würde, mit braunen Sandalen und den beigen Herrensocken. Dachten sie. Bis sie feststellten, dass auch dieser Aufzug am Freitag in der eigenen Firma längst hundertfach kopiert wurde.

Da stieg die Wut in ihnen auf, den Chefs. Sie hatten ihn satt, den Casual Friday. Denn sie wollen nicht, dass jemand so aussieht wie sie. Egal wann, egal wo, egal wie kleinkariert. Denn Chef ist Chef, und Original ist Original.

Deshalb verboten die Chefs den Casual Friday einfach wieder. Sie schafften ihn einfach ab, mir nichts, dir nichts. Und als das letzte deutsche Unternehmen, die Berliner Bankgesellschaft, vor ein paar Monaten den Casual Friday einführte - damit sich alle ein bisschen zu Hause fühlen sollen in der Bank - und gleich eine Liste erlaubter und unerlaubter Kleidungsstücke (dunkle Jeans und Sommerkleider ja, Shorts und Bauchfreies nein) beilegte, tauchten in allen anderen Unternehmen die Kollegen wieder mit Schlips und Kragen auf.

Sie tragen wieder blank polierte schwarze Schuhe mit Ledersohlen, weiße Hemden und gelegentlich eine Weste. Sie sehen so aus, als würden sie sich verdammt wohl fühlen in den steifen Klamotten. Ein gutes Gefühl, wenn man die ausgebeulten Hosen zur Lumpensammlung geben kann, statt sie immer wieder aufbügeln zu müssen.

Freitags. Und alle grinsen sich fröhlich an. Weil sie endlich wieder nur zu Hause zu Hause sein müssen.

Es ist eine gute Nachricht: Casual Friday ist tot. Und es ist so, als habe es ihn nie gegeben.

@ Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%