Rush-Hour
Die Generation Napoleon

Es scheint so, als würde die Rezession tiefere Spuren hinterlassen, als man das bisher so angenommen hat.

Es scheint so, als würde die Rezession tiefere Spuren hinterlassen, als man das bisher so angenommen hat. Klar, auch was die eigene Firma angeht. Ist kein Spaß, wenn das Urlaubsgeld mit einem Federstrich gekillt wird. Oder wenn man einfach auf Gehalt verzichten soll. Oder wenn die Kantine dichtgemacht, die Tantieme gestrichen wird, Kollegen ihre Kisten packen müssen, die Firma in die billigen Außenbezirke des östlichen Ruhrgebiets umzieht.

Das alles ist tragisch. Aber es sind, ehrlich gesagt, Peanuts. Peanuts verglichen mit dem, was Rezession und Not sonst noch so anrichten. Langfristig. Kultursoziologisch. Genetisch. In unserer Firma. Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass Menschen, die in der Rezession geboren werden oder aufwachsen, etwas kleiner ausfallen als solche, die im Boom zur Welt kommen und groß werden. Die Rezessionskinder sind einfach ein bisschen zu verunsichert, ein bisschen zu unzufrieden, von den Alltagssorgen ein bisschen zu mitgenommen, um anständig voranzuwachsen.

Unsichere Zeiten hemmen aber nicht nur die körperliche Entwicklung. Sie beeinträchtigen auch die Erfolgschancen im Leben. Denn die Wissenschaft lehrt uns, dass zufriedene Menschen erfolgreicher sind als unzufriedene. Zuversichtliche besser vorankommen als ständige Nörgler.

Schlimmer noch: Wenn die Zeiten schlecht sind, werden angeblich mehr Mädchen geboren. Nur besonders kräftige Frauen bringen ausgerechnet dann mehr Jungs zur Welt. Weil deren Nachwuchs bessere Chancen hat, sich im Heer der zurückgebliebenen Rezessions-Luschen als Chef zu behaupten. Sagen die Wissenschaftler.

Das alles kann man wohl nicht ändern. Aber wir müssen uns klar machen, was da jetzt gerade heranwächst. Wer spätestens in zwanzig, dreißig Jahren in den Chefetagen aufschlagen wird: Kleine Wichte, die ein Leben lang walkürenhafte Mütter im Nacken haben. Aus den unbedarften, fröhlichen, braun gebrannten Praktikanten von heute mit den quer gescheckten Oberhemden werden ätzende Egomanen, die schon zum Frühstück ein paar Mitglieder der Generation Golf verputzen.

Dazu ein Heer unzufriedener Assistentinnen, die nach ihrer Zeit als Assistentin wieder unzufriedene Assistentin werden wollen. Aus den großen, schönen, schlanken, blonden Damen der New-Economy-Fata-Morgana werden kleine, krumme, nörgelige Mitarbeiterinnen, die Kaffee nur deshalb kochen, um sich in der Küche zusammenrotten zu können.

Eine Horde wildtätiger Controller, manischer Synergieausschöpfer und depressiver Spesentütenausschüttler ist unterwegs. Die Generation Napoleon wird sich gleich daranmachen, unsere Abteilung zu zerstören, die Firma ins Chaos und die Volkswirtschaft in eine Dauerkrise zu stürzen.

Verheerend daran ist vor allem eins: Sie wird genau dann in den Fluren unserer Management-Etagen einfallen, wenn bei uns selbst die Kräfte langsam nachlassen. Wir werden lebenden Pulverfässern ausgeliefert sein, gegen die Bahnchef Hartmut Mehdorn ein gütiger, älterer Herr ist. Wir werden mäßige Versager als Chefs hofieren, die wir heute mit links feuern würden.

Dagegen hilft nur eins: Zuversicht und Ignoranz. Wir müssen den Kindern und Jugendlichen verschweigen, dass die Krise groß, die Erholung fern und die Zukunft grau ist. Wir müssen uns einreden, dass alles ganz, ganz prima ist. Mindestens, dass wir das Tal der Tränen durchschritten haben. Oder, dass jetzt alles besser wird. Sonst wird alles ganz schlimm. Später. Wenn die Zwerge kommen. Die wissen dann gar nicht mehr, wie Aufschwung geht. Das Programm ist dann gelöscht. Genetisch.

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