Rush-Hour
Die Wurmpfleger

Was haben wir gelernt aus all den Computerwürmern, die uns in den letzten Wochen heimgesucht haben? Nichts. Rein gar nichts.
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Unsere Mail-Postfächer waren voll gestopft mit Sendungen, die die Aufschrift "wicked screensaver" oder "your details" trugen. Und als niemand, aber auch niemand etwas dagegen machen konnte, haben wir mal eins aufgemacht. Probehalber. Das haben sie uns übel genommen, die Jungs vom PC-Support. Sehr übel. Sie haben uns nicht mehr gegrüßt.

Wenn wir nichts gelernt hätten, würden wir uns wahrscheinlich jetzt schämen und versuchen, bei unseren Computerexperten wieder an Ansehen zu gewinnen. Nur damit sie uns nicht ignorieren, wenn wir Hilfe brauchen. Oder damit unser Name niemalsnie in irgendwelchen Powerpoint-Präsentationen auftaucht, mit denen PC-Supporter werdende PC-Supporter über die haarsträubende Dummheit der einfachen User in der Firma schulen.

Aber es ist nicht so. Wir sind nicht die einzigen Idioten. Nicht nur wir haben nichts gelernt. Die Supporter, die in ihren Fleece-Pullovern im Winter immer aussehen wie kleine Eisbären und die im Sommer gelegentlich ohne Schuhe, immer aber ohne Socken über die Gänge barfüßlern - sie haben auch nichts gelernt.

Wir hatten, zugegeben, in den letzten Jahren ein wenig Vertrauen zu ihnen gefasst. Ehrlich gesagt, haben wir uns sogar angebiedert bei ihnen. Schließlich wissen wir, dass wir ihnen ausgeliefert sind.

Aber: Sie haben uns in der Sache Computerwürmer total im Stich gelassen. Einfach so.

Die stets freundlich lächelnden Helfer in Plüschpullovern und Freizeithosen kamen auf den ersten Anruf und sprachen kundig "Das ist der Wurm", versprachen Hilfe und verschwanden spurlos.

Das hat uns noch nicht stutzig werden lassen: Wir sind in die Kantine gegangen, haben uns von dem ganz großen, ganz gelassenen Schweinekrustenbraten-Appetit der neben uns sitzenden PC-Experten einlullen lassen und waren so sicher: Alles würde in Ordnung sein, wenn wir zurückkämen.

Die Anzahl unserer Mails hatte sich zwischenzeitlich auf 1 025 vervielfacht. Wir baten den Anrufbeantworter um schnelle Hilfe. Nachmittags kam wieder ein Supporter vorbei und bestaunte die galoppierende Mailvirusgrippe. Zuckte mit den Achseln. Schüttelte den Lockenkopf, kramte ein paar Gummibärchen aus der Tasche und stopfte sie sich in den Mund. Sagte zwischen zwei Schmatzern: "Was meinen Sie, wie das bei mir auf dem Bildschirm aussieht. Ich vernichte pro Stunde 1 000 Stück davon!" Und warum macht man nichts dagegen? Weil sich der Wurm von selbst deaktiviert. Wann? In zwei Wochen. Und bis dahin? Muss jeden Tag vernichtet werden. Und warum tötet die PC-Expertenabteilung das Ding nicht früher? Weil das nicht geht.

Klaglos verbrachten wir unsere Arbeitszeit damit, Mails ungeöffnet zu vernichten. Ein bisschen erschrocken riefen wir um Hilfe, als wir selbst begannen, verseuchte Mails zu versenden. Gemeinsam mit dem Glauben-Sie-mir-Filter-helfen-da-auch-Kollegen sahen wir Hunderten von nicht abgeschickten, aber dennoch zurückgewiesenen Mails zu, wie sie wieder in unserem Briefkasten landeten.

Und dann begriffen wir: Sie machen sie selbst, die Würmer. Oder mindestens hegen und pflegen sie sie, wenn sie einmal ihren Weg in die Firma gefunden haben. In Wahrheit nämlich haben die Support-Abteilungen ihre Lektion längst gelernt. Und die heißt: Mach dem User ab und an einfach mal klar, wie klein und dumm er wirklich ist. Zeig ihm, wie weit das Universum und wie winzig seine Rolle darin. Lass sie demütig werden vor den Würmern - und den freundlichen und kompetenten Helfern. Nur wir - wir haben das noch immer nicht begriffen. Und sind schon wieder unterwegs, um Haribos für die Jungs zu kaufen. Falls man sie mal braucht.

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