RUSH HOUR
Quappe reißt die Klappe auf

Wer in diesem Jahr wirklich wichtig werden will, muss rechtzeitig darüber nachdenken, wie man das anstellt. Die Antwort ist einfach: Wirklich wichtig wird man nur, wenn man rechtzeitig bemerkt wird. Aber wie wird man das, werden sich viele fragen, die seit Jahren versuchen, bedeutend zu werden. Die jeder TV-Kamera, die ihren Weg kreuzt, hoffnungsfroh zuwinken. Oder die sogar eine PR-Agentur beauftragt haben.
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Nun ja. Seien wir ehrlich, wenigstens an dieser Stelle. Keine der Bemühungen, auf ehrliche Art wichtig zu werden, wird erfolgreich sein. Denn entscheidend für die Frage, wie wichtig man wird, sind nicht Qualifikation, Soft Skills oder gar das Produkt. Entscheidend ist das Timing.

Und da ist es wie in der Futterkette, die überall, selbst im popligsten Eifel-Maar, gültig ist. Sie sagt: Großer Fisch frisst kleinen Fisch, kleiner Fisch schluckt Kaulquappe, Quappe frühstückt Alge. So schlicht ist das. Anders ist es nur, wenn es gar keine großen Fische gibt. Da kann schon die Quappe eine große Klappe riskieren - und wird erhört.

Wer schlau ist, macht sich das zu Nutze. Indem er handelt, wenn die großen Fische gerade schlafen. Oder zum Skifahren mit der Familie verreist sind. Der Bundespräsident hat uns den Weg gewiesen, wie es geht. Seine Weihnachtsansprache war noch nicht gesendet, da wurde sie schon in Radionachrichten besprochen. Ausländische Staatsoberhäupter stellten fest, dass der Präsident mit seinen zeitlos nachdenklichen Anmerkungen nichts als Recht hat. Und nachlesen konnte man sie auch schon.

Der Trick: Die Ansprache, die - bei allem Respekt - sonst allenfalls für einen Verdauungsseufzer nach dem Weihnachtsessen gereicht hätte, wurde einfach ein paar Stunden vor dem Sendetermin veröffentlicht. Weil die Nachrichtenlage auch am Abend vor dem Heiligen Abend dünn ist - und weil es dann noch einen gibt, der im Büro sitzt und die Sache bemerkt.

Der Präsident ist schlau. Hans-Dietrich Genscher ist es auch. Von dem legendären Außenminister ist bekannt, dass er sich als Jungpolitiker nicht scheute, am frühen Morgen die Radiosender anzurufen, um zu sagen, dass er schon wach sei. Und bereit sei, etwas zur Sache zu sagen. Was auch immer die Sache gerade war. Weil in der Futterkette der Politik im Morgengrauen die ganz großen Fische noch nicht unterwegs sind.

Von solchen Leuten lernen heißt, wichtig werden lernen: Wenn niemand da ist, werden auch Pförtner zu Entscheidern. Hinterlassen Sie Spuren: Sie sind da, die anderen nicht. Halten Sie Abteilungsversammlungen mit schwächeren Mitgliedern Ihres Teams ab und fassen Sie Beschlüsse. Welche? Am besten solche, die schon tausendmal beschlossen wurden. Aber Sie machen jetzt ein Memo daraus. Zum Jahresende. Der Zeitpunkt ist die Autorität.

Ihr Chef plant zu Jahresbeginn eine wichtige Rede? Halten Sie sie jetzt. Es gibt Dinge, die keinen Aufschub dulden. Okay, Sie haben Ihre Kompetenzen überschritten. Aber nur zum Wohl der Firma. Sie werden sich wundern, wie viele zuhören. Und wie viel mehr von ihrer Heldentat gehört haben und darüber reden.

Sie wollen ganz nach oben? Sitzen Sie jetzt Probe, solange Ihr Chef im Urlaub ist. Und bleiben Sie morgens ruhig im Auto sitzen, bis der Aufsichtsrat auf den Firmenparkplatz einbiegt und sich wundert, dass niemand mehr zwischen Weihnachten und Neujahr kommen will. Soll der doch sehen, wer wirklich hart arbeitet.

Denn: Ab fünftem Januar sind die Chefs wieder da, und Sie werden nicht mehr bemerkt. Wie immer. Es sei denn, die Quappe hat bis dahin die Klappe aufgerissen, wurde ein riesengroßer grüner Frosch - und dann geküsst.

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