Russalnds Präsident Putin sieht Spielraum für "Austausch" unf "freundliche Gesten"
Beutekunst findet über Umwege zurück

Die Rückgabe einer wertvollen Ikone illustriert das verworrene Interessengeflecht von Staat, Kirche und Politik.

dpa BERLIN/PSKOW. Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin am 16. Juni von seinem Berlin-Besuch nach Hause fliegt, wird das Reisegepäck seiner Delegation wohl etwas schwerer sein: In der deutschen Hauptstadt wartet eine äußerst wertvolle Ikone, ehemals Beute der Wehrmacht in der russischen Stadt Pskow, auf ihre Heimkehr. Deutliche Anzeichen sprechen dafür, dass die 1944 geraubte "Maria- Schutz-Ikone" jetzt an Russland zurückgeben wird. Die Übergabe in Berlin, die mit diskreter Hilfe der Bundesregierung zu Stande gekommen ist, soll auf Wunsch der bisherigen, tiefreligiösen deutschen Besitzer von einem katholischen Priester an einen hohen Geistlichen der orthodoxen Kirche vollzogen werden.

Der Fall ist ein Beispiel für die verschiedenen Varianten, wie "Beutekunst" - in diesem Fall nach Russland - wieder heimkehren kann. Putin hatte am Pfingstwochenende in einem Interview generell Hoffnungen geweckt: Trotz des restriktiven Moskauer "Beutekunst"- Gesetzes - es erklärt im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte deutsche Kulturgüter zu russischem Eigentum - sehe er Möglichkeiten zur Rückgabe von Kunstwerken "etwa in Form des gegenseitigen Austausches oder als freundschaftliche Geste".

Seit langem bahnte sich in Gesprächen zwischen Politik, Kirche und den damaligen süddeutschen Besitzern die Rückgabe der rund 400 Jahre alten Ikone an, mit der nach der spektakulären Aushändigung eines Mosaiks und einer Kommode aus dem legendären Bernsteinzimmer ein weiteres bedeutsames Stück deutscher Kunstbeute nach Rußland zurückkehren wird.

Der frommen Überlieferung nach soll die "Bogomatjer Pokrowskaja", die Ikone der schützenden Gottesmutter, die mittelalterliche Stadt Pskow südlich Petersburgs durch die Jahrhunderte vor allen Feinden bewahrt haben. Doch die im April 1944 hastig abrückenden deutschen Besatzer hinterließen nicht nur Leid und Zerstörung, sondern transportierten sämtliche Kunstwerke, darunter hunderte Ikonen, aus dem Museum von Pskow in Richtung Westen nach Riga.

Die um das Jahr 1600 auf Holz gemalte Darstellung der mauerumgürteten Stadt, über der schützend die Gottesmutter schwebt, geriet dabei auf undurchsichtige Weise in die Hände eines deutschen Generalstabs-Offiziers, der das Stück schließlich verkaufte. Bei einer Ausstellung 1970 im Haus der Kunst in München tauchte die über ein Meter hohe "Maria-Schutz-Ikone" erstmals wieder auf und fiel russischen Experten als bayerischer Privatbesitz ins Auge.

Der Versicherungswert des Kunstwerks liegt bei zwei Millionen DM

Trotz der hohen religiösen Bedeutung, die das Werk immer noch bei der Bevölkerung Nordrusslands genieße, "muss diese Ikone ins Museum zurück", nur hier sei für konservatorisch sachgemäße Aufbewahrung und ihre Sicherheit garantiert, erklärte Pskows Museumsdirektorin Olga Wolochkowa der dpa. Von den Experten ihres Hauses, das nach der Rückkehr lediglich eines Drittels des geraubten Bestandes wieder mit einer herausragenden Ikonen-Sammlung glänzt, werde das wundertätige Bild auf einen Versicherungswert von rund zwei Mill. DM geschätzt. Höher noch sei aber der historische und kulturelle Wert der Ikone mit der ältesten Darstellung der Stadt Pskow: In dem bemerkenswerten Kunstwerk "verschmelzen religiöse und patriotische Empfindungen", sagt die Ikonen-Expertin Natalja Tkatschowa.

Der Erzpriester der altehrwürdigen Dreifaltigkeits-Kathedrale im Kreml von Pskow, Vater Ioan, freut sich "jetzt schon auf das große Ereignis der Rückkehr" der Gottesmutter-Ikone, die natürlich in den Besitz der Kirche gehöre. Dass im dichten Interessengeflecht von internationaler Politik, Kunst und Kirche am Ende alles glatt geht, da vertraut der fromme Mann "ganz auf die Möglichkeiten, die die Gottesmutter und der Herrgott haben".

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