Russische Einwanderer
Hardliner bevorzugt

Vor diesem Publikum hat Ehud Olmert Probleme. "Mein Russisch ist nicht gut genug, um mich in Eurer schönen Sprache an Euch zu wenden", bedauert der Favorit im israelischen Wahlkampf.

HB JERUSALEM. Als er südlich von Tel Aviv um Stimmen von Bürgern buhlt, die aus Russland stammen, hält er sich ans Hebräische. Für jene, die die Landessprache nicht beherrschen, stehen Simultanübersetzer bereit.

Olmert's Flirt mit den Russen ist verständlich: Am 28. März, wenn Israel sein neues Parlament bestimmt, werden ihre Stimmen eine entscheidende Rolle spielen. Jeder sechste Wähler ist in den 90er Jahren aus der ehemaligen UdSSR nach Israel eingewandert. Da die alteingesessene israelische Gesellschaft je zur Hälfte entweder linke oder rechte Parteien wählt, können die 750 000 Stimmzettel der russisch-jüdischen Immigranten entscheidend sein.

"Die Einwanderer haben bereits bei den Wahlen der 90er Jahre den Ausschlag dafür gegeben, dass Jitzchak Rabin, Benjamin Netanjahu, Ehud Barak und Ariel Scharon ins Büro des Premierministeramtes einziehen konnten", sagt Zeev Khanin, Politologe an der Bar Ilan-Universität unweit von Tel Aviv. Ariel Scharon, der seit zwei Monaten im Koma liegt, kam bei den russisch-jüdischen Immigranten gut an. Erstens sprach er ganz ordentlich Russisch, zweitens imponierte ihnen sein Image als Kriegsheld - vor allem aber gefiel ihnen sein Führungsstil. Als er im vergangenen Jahr den Likudblock verließ und eine neue Partei gründete, folgten ihm die meisten Russen wie einer Vaterfigur. Doch Ehud Olmert?

Viele "Russen" kannten kaum seinen Namen, bevor er im Januar amtierender Regierungschef wurde. Sie suchten deshalb nach Alternativen zur Kadima. Avigdor Lieberman, ein Senkrechtstarter in der israelischen Politik, bietet sich ihnen als natürlicher Nachfolger Scharons an. Bei einem Drittel der aus Russland stammenden Israelis findet Lieberman Gefallen, weil er gegenüber den Palästinensern einen kompromisslosen Kurs propagiert.

Lieberman glaubt nicht an eine Koexistenz mit den Arabern. Er setzt auf Abschreckung. Vor vier Jahren empfahl er zum Beispiel die Bombardierung des ägyptischen Assuan-Staudamms, sollte sich Kairo nicht an den Friedensvertrag halten. Auch jetzt profiliert er sich mit populistischen Forderungen, die bei vielen Russen auf Zustimmung stoßen. Er möchte sich zum Beispiel der israelischen Araber entledigen, die knapp ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ausmachen: "Sie haben hier keinen Platz und können ihre Sachen packen". Den Rückzug aus dem Gazastreifen lehnt Lieberman ab. Er habe weder Sicherheit noch eine Mäßigung der palästinensischen Bevölkerung gebracht: "Sogar wenn wir uns auf die Grenzen von 1967 zurückziehen würden, könnten wir nicht in Sicherheit leben, würde der Terror nicht aufhören."

Der ehemalige Infrastrukturminister lebt seit 1978 in Israel. Nach seiner Einwanderung aus Moldawien war er zunächst aktiv in einer rechten Studentenbewegung. 1996 leitete der Einwanderer mit Erfolg den Wahlkampf von Benjamin Netanjahu für den Likudvorsitz und stand dann bis 1998 dem Büro des Premiers vor. 1999 löste er sich vom Likud und gründete eine eigene Partei: "Israel Beitenu", zu Deutsch: "Israel ist unser Haus". Sie ist heute das Sammelbecken für russischstämmige Israelis.

Lieberman, der in diesem Wahlkampf als Außenseiter gestartet war, hat in den vergangenen Wochen deutlich zugelegt. Umfragen sagen seiner Partei 13 Mandate voraus, was ihn als Koalitionspartner für den mutmaßlichen Wahlsieger Olmert interessant machen könnte. Denn der ist, wenn man denselben Umfragen glauben kann, in der Wählergunst stark gesunken. Innerhalb einer Woche hat seine Kadima acht Sitze verloren und kann bloß mit 34 rechnen. Olmert will nur nur Parteien in die Regierung aufnehmen, die seinen Rückzugsplan aus der Westbank unterstützen.

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