Russische Gazprom muss noch Finanzierung sichern
EU muss slowakischen Ruhrgas-Einstieg absegnen

Wende bei der Privatisierung des slowakischen Erdgaskonzerns SPP: Der russischen Gazprom fehlt das Geld, mitsamt Ruhrgas und Gaz des France einzustiegen. Die Russen müssen erst eine Finanzierung suchen. Falls die EU es genehmigt, schultern Deutsche und Franzosen die Investition von 2,7 Mrd. Dollar zunächst alleine. Damit kommt Ruhrgas an die Grenze seiner Investitionskraft.

BRATISLAVA. Burckhard Bergmann, Vorstandschef und Vordenker des Essener Ruhrgas-Konzerns, blieb gelassen, als er am Montag Mittag just vor der Vertragsunterzeichnung die Wende im bisher größten Auslandsdeal seines Konzerns und der der größten slowakischen Privatisierung verkündete: Ruhrgas und Gaz des France würden zunächst alleine je zur Hälfe ein Paket von 49% der Aktien des slowakischen Erdgas-Monopols SPP AS, Bratislava, übernehmen und mit insgesamt 2,7 Mrd. Dollar finanzieren. Beide Unternehmen würden sich auch die Managementkontrolle mit vier Plätzen im siebenköpfigen SPP-Vorstand aufteilen. Indessen werde der bisher angekündigte Dritte im Bunde - der russische Erdgasgigant RAO - erst später nachziehen, damit er "in Ruhe" an seiner Finanzierung basteln könne. Man habe den Russen Zeit gegeben, "auf ein Ultimatum verzichtet" und werde sie in alle Entscheidungen mit einbeziehen.

Doch ganz so tolerant geht es nicht zu: "Innerhalb von zwei Jahren" müsse die Finanzierung stehen, sagt Oleg Sijenko, Generaldirektor der Gazprom-Exporttochter Gazexport auf Nachfrage. Die Zusatzfrage, ob die Zurückhaltung Gazproms mit den Ermittlungen der EU-Kommission gegen Gazprom-Lieferverträge mit Westeuropa zusammenhänge, lässt er indes unbeantwortet. Eine Sprecherin des EU-Wettbewerbskommissars Monti bestätigte derweil dem Handelsblatt, dass die Wettwerbshüter inzwischen alle Gazprom-Verträge mit Kunden in der EU untersuchten. Gazprom-Kenner vermuten: Die Langfristigkeit der Lieferverträge, die bisher in der Branche üblich waren, stehe in Brüssel auf der Kippe.

Bergmann versichert: Auch falls der Einstieg der Russen scheitern sollte, blieben Deutsche und Franzosen bei ihrer Investition, die die "erste paneu-ropäische Kooperation ihrer Art" dar-stelle. Freilich wird auch dabei die EU-Kommission mitreden. Doch hoffen Bergmann und die slowakische Regierung, dass EU-Wettbewerbs-kommissar Monti binnen drei Mona-ten sein Votum zum Deal abgeben wird. "Wir sind kein komplizierter Fall sind", so Bergmann zuversicht-lich. Und ein Sprecher des slowakischen Wirtschaftsministeriums versi-chert: "Von unserer Seite bestehen für den Wettbwerb keine Bedenken."

Die Bedenken der EU richten sich indes zusehends gegen Gazprom als Hauptlieferant des europäischen Erdgases. Die Russen rücken im Falle ihres per Option zugesicherten Ein-stiegs in SPP so dicht an die Grenze der EU wie nie zu vor. Dabei war Gazprom zunächst allein gestartet und erst nachträglich zum Konsortium der Ruhrgas und der Gaz des France gestoßen, so eine Quelle aus Verhandlungskreisen: "Eines Tages kam die Bitte der Russen, die slowakische Regierung zu fragen könnten, ob Gazprom zum deutsch-französischen Konsortium hinzustoßen könne. Die Regierung hatte nichts dagegen."

Dahinter, dass dem Vernehmen nach vor allem Ruhrgas die Russen ins Boot holte, sehen Branchenexperten zwei Hauptmotive: Zum einen wolle Ruhrgas damit sein gutes Verhältnis zu Gazprom und zur russischen Regierung pflegen. Denn die Essener planen, wie Bergmann bestätigt, ihren Gazprom-Anteil von rund 5% (Marktwert: rund 2 Mrd. Euro) "zu einem günstigen Zeitpunkt" aufzustocken.

Zum anderen, heißt es, Ruhrgas wolle Gazprom in die Slowakei holen, um den Transitweg Russland - Ukraine - Slowakei langfristig zu sichern. Denn dieser Weg wird bedroht durch russi-sche Pläne einer zweiten Erdgas-Großpipeline von Sibirien nach Westeuropa, welche die Ukraine aus politischen Gründen umgehen soll. Bergmann dazu: "Bisher gab es zwei Varianten: den Bau der zweiten Pipeline bis zur polnischen Ostgrenze oder die Stabilisierung der bisherigen Erdgas-Hauptschlagader durch die Ukraine bis zur Slowakei." Er scheint der letzteren Variante gewogen: "Darin ließe sich die SPP gut integrieren."

SPP ist zählenmäßig ein kleiner Fisch, strategisch aber unersetzlich. Nach bisher unveröffentlichten Angaben machte SPP 2001 zwar 75 Mrd. slowakische Kronen Umsatz (1,79 Mrd. Euro). Doch der Moloch mit mehr als 6000 Beschäftigten wies als Reingewinn nurmehr 4,6 Mrd. Kronen auf. Davon führte er - für westliche Vorstellungen absurd - 5 Mrd. Kronen ans Staatsbudget ab und schloß so mit einem Verlust von 0,4 Mrd. Kronen. Diese Quersubventionierung des Staatshaushalts werde jetzt gestoppt, verspricht Bergmann. Und Erdgas-Experten erwarten, dass SPP in diesem Jahr einen Rekordgewinn von 11 Mrd. Kronen erzielen könnte.

Die Stärke der SPP ist ihre Lage: In ihrem Netz befindet sich die Hauptschlagader des Erdgastransits nach West- und Südeuropa und ein strate-gisch wichtiger Verteiler nach Österreich (zur OMV) und Tschechien (zu Transgas / RWE Gas). Mit einer Jahreskapazität von rund 90 Mrd. Kubikmetern schleusen die Slowaken rund 70% der russischen Erdgasexporte nach West- und Südeuropa.

Gerade von dieser Position geht große Marktmacht aus: So könnten Ruhrgas und Gaz de France u.a. künftig den Erdgasstrom durch Tschechien zu-gunsten Östereichs drosseln. Denn in Tschechien ist der Ruhrgas-Rivale RWE Gas dabei, den dort dominanten Erdgaskonzern Transgas zu übernehmen. Bergmann wollte am Montag zwar "keine Konfliktszenarien an die Wand malen". Eine Kooperation mit RWE Gas sei möglich, doch hänge sie von den Konditionen ab. Doch Marktkenner vermuten, dass Ruhrgas mitsamt Gazprom diese Konditionen bald diktieren könnten.

Wer aber vermutet, Ruhrgas könne seine Expansion in Mittel- und Osteuropa weiter forcieren, wird enttäuscht. Bergmann sieht seinen Konzern eher an der Grenze des Machbaren. "Alleine hätten wir für SPP nicht geboten, obwohl wir es könnten". Bergmann braucht Reserven für andere Projekte: die Erdgasprivatisierung in Polen, die Entwicklung im Ostseeraum und die Erhöhung des Ruhrgas-Anteils an Gazprom.

Weitere Konsortien wie im Falle der SPP sind für Bergmann keine Lösung: "Dabei ist man stets auf Konsens angewiesen." Dagegen wertet Bergmann die Pläne einer Ruhrgas-Übernahme durch Eon "positiv", um das "Ruhrgas-Potenzial voll auszuschöpfen". Die Alternative eines eigenen Börsengangs zur Kapitalbeschaffung beschmunzelt Bergmann nur und fügt hinzu: "Das wäre bei dem verflochteten Vertragswerk unseres Konzerns sicher nicht unproblematisch."

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