Russland baut Exporte zu Lasten der arabischen Staaten aus
Moskaus Ölgeschäfte mit den USA verstimmen die Opec

Moskaus massives Drängen auf eine neue Energiepartnerschaft mit den USA und den Europäern stößt auf Widerstand der Konkurrenz.

MOSKAU. Angesichts des russischen Expansionskurses bei den Ölexporten drohte der Präsident der Organisation Erdöl exportierenden Länder (Opec), Saudi-Arabiens Ölminister Rilwanu Lukman, dem Kreml jetzt offen mit einem Preiskrieg, falls Moskau weiterhin zu Lasten der Opec seine Marktanteile steigere.

Russland müsste "dumm sein, immer darauf zu setzen, dass andere etwas für eine Preiserhöhung unternehmen, Moskau selbst aber die Förderung immer mehr ausweiten könne", sagte Lukman bei einer Tagung in London. Russland sollte eigentlich wissen, was gut für das Land sei, spielte der Opec-Präsident auf Moskaus Interesse an einem stabilen Ölpreis an. Einen Preiskrieg würde ohnehin die Opec gewinnen, betont Lukman. Denn ihre Mitglieder hätten 6 Mill. Barrel freie Exportkapazitäten und wesentlich geringere Produktionskosten. Allerdings würde ein möglicher Preiskrieg den Ölpreis von jetzt über 25 auf 12 bis 15 $ pro Barrel drücken, urteilt der Ölanalyst Leo Drolles. Und das würde die Opec mindestens so hart treffen wie Moskau.

Die Exportausweitung des Kreml fügt sich nahtlos ein in die Annäherung Russlands an den Westen seit den Terroranschlägen vom 11. September. Die USA befürworten Ölimporte aus Russland, um sich so aus der Abhängigkeit von den arabischen Golfstaaten zu lösen. Das Öl-Kartell aber will die Eroberung bisher von ihm kontrollierter Märkte - wie Nordamerika - durch die Russen nicht hinnehmen. Die Opec-Attacke ist offenbar eine Reaktion auf die erste direkte Lieferung von russischem Öl in die USA: Per Tanker landete Yukos, Russlands zweitgrößter Ölkonzern, in der vergangenen Woche Erdöl in Houston an. Eine spektakuläre Aktion, die sowohl die USA als auch die Russen trotz aller Schwierigkeiten als Pilotprojekt sehen. Russlands Branchenprimus Lukoil, der bereits in den USA das Getty-Tankstellennetz übernommen hatte, will jetzt Exporthäfen bauen, von denen aus Tanker Nordamerika beliefern können.

Während die Beziehungen zu den USA prosperieren, liefert Moskau der arabischen Welt Grund für Verstimmungen. So stellt sich Moskau im Israel-Palästina-Konflikt immer klarer auf die Seite Jerusalems: Zum offenen Konflikt mit den Golfstaaten ist es aber bisher nicht gekommen, weil sich Moskau als wichtiger Verbündeter des Irak bislang gegen einen US-Angriff auf Bagdad und für die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen stark macht - doch auch diese Position wackelt (siehe Handelsblatt vom 17.7.2002).

Nun fühlen sich die Golfstaaten wirtschaftlich angegriffen, wenn Moskau und Washington beim Öl ins Geschäft kommen. Russland hatte zum 1. Juli die mit der Opec für das erste Halbjahr vereinbarte Exportreduzierung um 5 % aufgegeben, die Quoten aber schon in den Monaten zuvor heimlich erheblich überboten. So steigerte Russland in den ersten fünf Monaten dieses Jahres seine Erdölausfuhren um 15 % auf 525 Mill. Barrel; davon ging mit 60 Mill. Fass die größte Menge nach Deutschland. Die Ölproduktion in Russland wurde hingegen im ersten Halbjahr nur um 8,4 % auf 1,27 Mrd. Barrel gesteigert. Dagegen fuhr die Opec seit Anfang vorigen Jahres ihre Förderung um insgesamt 20 % zurück.

Die Deutsche Bank Research geht davon aus, dass Russland bis 2005 seine Produktion um täglich 2 Mill. Barrel erhöhen werde. Das US-Forschungsinstitut Stratfor sieht Moskau bereits, "einen größeren Ölexporteur werden, als es Saudi-Arabien je war". Im Februar hatte Russland erstmals mehr Erdöl exportiert als die Saudis. Der Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, Andrej Illarionow, unterstützt diese Linie: Russlands Ölindustrie müsse die Marktposition wieder erlangen, die die Sowjetunion gehabt habe. "Wir schleichen uns nicht auf fremde Märkte, wir erobern nur unsere zurück", sekundiert Yukos-Chef Michail Chodorkowskij.

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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