Russland diskutiert die Folgen des Geiseldramas
„Es reicht jetzt mit der Demokratie“

Russland reagiert auf das Geiseldrama mit Forderungen nach hartem Durchgreifen und dem Abbau demokratischer Rechte. Präsident Putin dürfte jetzt noch härter gegen die Tschetschenen vorgehen. Eine friedliche Beilegung des Konfliktes in der Kaukasusrepublik scheint unrealistischer denn je.

HB MOSKAU. Nach dem gewaltsamen Ende des Geiseldramas in Moskau hat in Russland die Diskussion um die Richtigkeit der Erstürmung des Theaters, des Einsatzes eines Kampfgases und vor allem um das weitere Vorgehen in Tschetschenien eingesetzt. Die schlimmste Nachricht kam dabei von Vize-Innenminister Wladimir Wassiljew: "Es wird zu weiteren Attentaten kommen - nicht nur in Russland." Deshalb müssten die Sicherheitsmaßnahmen jetzt verschärft und vor allem die Macht der Geheimdienste gestärkt werden.

"Es reicht jetzt mit Demokratie und Menschenrechten", forderte denn auch ein ranghoher Mitarbeiter der Spezialeinheit "Alpha", die die Geiselbefreiung in Moskau durchführte. "Mit dem Tornister liberaler Werte des 20. Jahrhunderts beladen, kann man nicht gegen den Terrorismus kämpfen", pflichtete ihm der Kommentator Boris Wolchonskij in der angesehenen Zeitung "Kommersant" bei. Der bisher sehr liberale Kolumnist Leonid Radsichiwskij verlangte sogar die Einführung eines "harten Polizeiregimes". Wie 1941 beim Einmarsch der Wehrmacht gehe es ums Überleben Russlands.

"Eine starke Macht", wünscht sich auch der Gouverneur von Nowgorod, Michail Prussak. Das ist Wasser auf die Mühlen von Präsident Wladimir Putins "Diktatur des Gesetzes". Beobachter erwarten jetzt einen weiteren Abbau demokratischer Freiheiten, wie Putin ihn ohnehin schon begonnen hat.

Neben einer Stärkung der Sicherheitsorgane, denen Putin als ehemaliger KGB-Spion entstammt, "wird es zu einer Verschärfung der ethnischen Spannungen zumindest in Großstädten kommen". Das prophezeit der Politikwissenschaftler Wjatscheslaw Nikonow. In Moskau kam es bereits zu Übergriffen auf Kaukasier. In der nordrussischen Stadt Twer verlangten Bürger, Tschetschenen auszuweisen. "Es reicht mit den Tschetschenen." Diese Meinung des Schriftstellers Sergej Norka bekam in den 58 Stunden der Tragödie neue Anhänger.

In Tschetschenien selbst ist kaum damit zu rechnen, dass sich die Lage bessert. Putin erwähnte die Situation in der Kaukasusrepublik mit keiner Silbe in seiner Fernseh-Ansprache nach dem Geiseldrama.Lage Zudem haben nur wenige verstanden, dass das brutale Vorgehen im Kaukasus, wo Militärs ganze Dörfer verwüsten, nur neue Gewalt gebiert. Moskaus in Grosny eingesetzte Marionetten-Regierung muss, vor allem nachts, schon lange ums eigene Überleben fürchten.

Die Antwort des Kreml auf die Geiselnahme in Moskau ließ kaum auf sich warten: Nur wenige Stunden nach der Geiselbefreiung zogern russische Truppen in tschetschenische Dörfer ein. Verhandlungen über eine friedliche Lösung des Tschetschenien-Problems rücken derweil in immer weitere Ferne. Da die russischen Geheimdienste - ohne Belege und entgegen der Aussagen der inzwischen toten Geiselnehmer - behaupten, Aslan Maschadow stecke hinter dem Anschlag, wird es für Putin kaum mehr möglich sein, mit dem tschetschenischen Präsidenten zu verhandeln. Dieser war 1997 gewählt worden und musste nach dem zweiten Einmarsch der russischen Truppen in Grosny Anfang 2000 untertauchen. Doch ist außer Maschadow kein anderer in der Kaukasusrepublik zu finden, der auch nur irgendwie zu Verhandlungen mit Moskau legitimiert wäre wie Maschadow durch freie Wahlen.

Der Sturm auf das Musical-Theater bekommt unterdessen einen immer bitteren Beigeschmack, je höher die Opferzahlen steigen.

Der Kreml-Politologe Sergej Markow meint zwar: "Wir können wieder stolz sein auf Russland." Die Russen hätten nur Angst vor einem Sturm gehabt, weil sie ihren Geheimdiensten nicht zugetraut hatten, ihn ordentlich durchzuführen, meint Markow. "Das ist der Beginn der Wiedergeburt unserer Heimat."

Doch bestürzend ist, dass der Sturm begonnen wurde, obwohl durch das Einberufen einer internationalen Pressekonferenz der Kidnapper am Samstag noch Zeit für Verhandlungen gewonnen wurde. Weitere Freilassungen hätten möglicherweise erreicht werden können. Außerdem war einkalkuliert worden - das gaben die Offiziellen zu - dass im Zweifel bis zu 1000 Menschen beim Zusammensturz des Gebäudes sterben.

Sergej Goworuchin, erfahrener Kriegsreporter und Mitglied der Menschenrechtskommission des Präsidenten, meldet zudem Zweifel am Erfolg der Operation an: "Die Terroristen waren nur moralisch bestens vorbereitet. Ansonsten haben sie vieles falsch gemacht. Das waren junge, kaum ausgebildete Leute."

Als Beispiele nennt Goworuchin, der zu Verhandlungen in dem Theatergebäude war: "Sie haben Sprengsätze mit Kabeln ausgelegt, die schnell durchtrennt werden können anstelle von ferngesteuerten Minen. Sie hatten nicht einmal an den Eingängen Bewaffnete postiert. Das war von den Geiselnehmern alles sehr unprofessionell."

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%