Russland
Ein mörderisches Land

Kein Zweifel, der Mord an Litwinenko beschäftigt auch die russische Öffentlichkeit. Doch so recht holt der Skandal eines möglichen politischen Mordes, ausgeführt gar von einem russischen Sicherheitsdienst, in Russland niemand mehr hinter dem Ofen hervor. Denn dort ist der Fall Litwinenko nur einer von vielen.

MOSKAU. Es sei schon "ein starkes Stück", was sich die Komsomolskaja Prawda erlaube, schreibt ein erboster Leser. Ein anderer antwortet ihm: "Mein Lieber, nimmst du das wirklich noch ernst, was in den Zeitungen steht?" Unter dem Artikel einer der auflagenstärksten Boulevard-Zeitungen Russlands reihen sich in deren Online-Ausgabe die hämischen Kommentare. Es geht um den Fall Litwinenko, der zurzeit die Presse in Europa auf Hochtouren hält.

Auch die Komsomolskaja Prawda hat sich einen Reim auf Litwinenkos Tod gemacht: Könnte es nicht so gewesen sein, dass er sich selbst vergiftete, als er für El Kaida an einer Bombe bastelte? War er nicht zum Islam übergetreten? Andere Organe des Boulevards wie Moskowskij Komsomolsk treiben derzeit vor allem eine Variante voran: Der Ex-Agent - und vielleicht auch sein Mentor, der Exil-Oligarch Boris Beresowskij - seien in einen lukrativen Atomschmuggel verstrickt gewesen. Und hätten dabei wohl etwas Polonium verschüttet.

Kein Zweifel, der Mord an Litwinenko beschäftigt auch die russische Öffentlichkeit. Aber es ist wohl eher der Spaß an der Spekulation, der Kitzel des Geheimen, der hier seine Blüten treibt. Der Skandal eines möglichen politischen Mordes, ausgeführt gar von einem russischen Sicherheitsdienst, holt in Russland niemand mehr hinter dem Ofen hervor.

Eine Umfrage von Echo Moskwi, einem der wenigen unabhängigen Radiosender im Land, zeigt, was Russen ihrer Regierung zutrauen: 68 Prozent der Befragten halten es für wahrscheinlich, dass Litwinenko einem der russischen Killer-Kommandos zum Opfer gefallen ist, die seit diesem Jahr mit gesetzlichem Segen auch im Ausland Jagd auf Terroristen machen dürfen.

Für die meisten Russen ist der Fall Litwinenko ein Mord unter vielen - unter sehr vielen. Das Land hat nach Südafrika die höchst Mordrate der Welt. Gegenüber dem Zeitraum 1992 bis 1999 stieg in der Putin-Ära 2000 bis 2005 die Zahl der Morde um 10,6 Prozent. Jedes Jahr kommen 33 000 Menschen gewaltsam um, das entspricht einer Quote von 34 Toten auf 100 000 Einwohner und ist dreimal höher als in Westeuropa. Der hohen Zahl an Auftragsmorden - im vergangenen Jahr wurden 800 Fälle registriert - steht eine geringe Aufklärungsrate gegenüber.

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