Russland
Hoffnungsträger aus der Kälte

Russlands Ex-Präsident und neuer Premier Wladimir Putin umgibt sich gern mit Gefolgsleuten aus seiner Geburtsstadt St. Petersburg. Sein Vize Igor Schuwalow kommt jedoch aus Magadan am Ochotkischen Meer. Auf ihm ruhen die Hoffnungen vieler ausländischer Investoren.

MOSKAU. Igor Schuwalow umgibt eine gewisse Kühle. Das mag an den Augen liegen, vielleicht am streng nach hinten gekämmten dünnen hellblonden Haar. Wladimir Putins neuer erster Stellvertreter als Regierungschef hat seine frühe Kindheit auch an einem Ort mit eher unwirtlichen Temperaturen verbracht - Magadan am Ochotkischen Meer, einer Stadt, die ursprünglich als Durchgangslager für Stalins Zwangsarbeiter geplant war.

Seine Herkunft jenseits des Petersburger Putin-Zirkels macht ihn fast schon zu etwas Besonderem in der russischen Politelite. Der Mann aus der Kälte gilt nun zudem als der Fackelträger der Wirtschaftsliberalen in der Regierung. Auf ihm ruhen die Hoffnungen auch vieler ausländischer Investoren in Moskau, dass es Putin und sein Nachfolger im Kreml, Dmitrij Medwedjew, doch ernst meinen mit ihren Ankündigungen, Russlands Wirtschaft wieder Reformen verabreichen zu wollen.

Der schlanke, groß gewachsene Schuwalow ist auf der internationalen Bühne zu Hause, spätestens seit er 2005 Putins "Sherpa" für die Vorbereitung der G8-Präsidentschaft Russlands wurde. Für den damaligen Präsidenten ein enormer Prestigegewinn - endlich auf Augenhöhe mit den großen Industrienationen der Welt zu sein. Neben dem diplomatischem Abstimmungsprozess fiel es Schuwalow aber auch zu, in einer Zeit, als im Westen die Bedenken über die Zuverlässigkeit Russlands als Energielieferant wuchsen, gut Wetter zu machen. Obwohl er selbst kein Gegner der Zerschlagung des Ölkonzerns Jukos war, räumt er später ein, dass dies das Image Russlands schwer geschädigt habe.

Der 41-jährige Jurist spricht fließend Englisch und beherrscht außerdem die Sprache der internationalen Finanzwelt. In seinem Portfolio als erster Vizepremier finden sich unter anderem die Mittelstandsförderung, Außenwirtschaft und die Zuständigkeit für den WTO-Beitrittsprozess Russland, was unter Experten als klares Zeichen gedeutet wird, dass es Putin und Medwedjew nach wie vor ernst meinen mit dem Beitritt.

Seine Karriere beginnt Igor Schuwalow 1993 im Außenministerium, wechselt aber wenig später in die Wirtschaft und leitet die Kanzlei des Oligarchen Alexander Mamut. In den Jahren bis zum Eintritt in den Staatsdienst 1997 betätigt er sich auch als Unternehmensgründer. Vom Chef des staatlichen Vermögensverwaltung entwickelt sich die Karriere des ehrgeizigen Anwalts dann rasant, bis er 2003 als Berater Putins in den Kreml wechselt. Als einer der Vizechefs der Kremlverwaltung unter Dmitrij Medwedjew spinnt er erste Drähte zu diesem und arbeitet eng mit ihm bei der Umsetzung der "nationalen Projekte" zusammen, die Medwedjew "präsidiabel" machen sollen. Schuwalow hat im Kreml schnell den Ruf, durchsetzungsfähig und entscheidungsfreudig zu sein.

Er arbeitet viel und erscheint als einer der ersten im Büro. Seinem Fahrer verordnet er ein weißes Hemd und Krawatte, Mitarbeitern gegenüber ist er aber tolerant - wichtig ist ihm, dass sie Ergebnisse liefern. Die liefert er auch für Putin - meistens wenn es ernst wird, wie zum Beispiel bei der Umsetzung der föderalen Reform.

So sehr er ein Verfechter der Verflechtung Russlands mit der Weltwirtschaft sein mag - ein Liberaler im klassischen Sinn ist er nicht, zumindest nicht bei gesellschaftlichen Fragen: Als kurz vor dem G8-Treffen ein Teil der politischen Opposition einen Kongress unter dem Motto "Das andere Russland" plant und ausländische Gäste dazu einladen wollten, zeigt er sich hart: Politiker aus dem Ausland, die der Einladung der Opposition folgen würden, würden hinfort als unerwünschte Personen behandelt, ließ er wissen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%