Russland
Kommentar: Wirtschaftsmacht ehrenhalber

Jeder Gipfel braucht seinen "historischen" Erfolg - schon allein, um den unangemessenen Aufwand zu rechtfertigen. Gastgeber Kanada hatte hart gekämpft, dass die Aufwertung Afrikas zum Aushängeschild des laufenden Weltwirtschaftsgipfels in den Rocky Mountains wird. Und verloren. Ziemlich überraschend erklärten die Führer der sieben größten Industrienationen Russland zum Vollmitglied des exklusiven Zirkels der G8.

Damit stiehlt Wladimir Putin dem Schwarzen Kontinent die Schau und setzt seinen beispiellosen Siegeszug auf internationalem Parkett fort. Endgültig etabliert sich der russische Präsident als der große Gewinner der Terrorkrise seit den Anschlägen vom 11. September: Seine eindeutige Unterstützung der Antiterrorkoalition brachte die Partnerschaft mit US-Präsident Bush, Moskaus Aufstieg in den Beziehungen zur Nato und die offizielle Anerkennung des Landes als Marktwirtschaft ein. Und nun soll Russland auch beim Weltwirtschaftsgipfel den Katzentisch verlassen. Zwar hatten sich die G7 schon 1999 in Köln formal zur G8 erweitert, dieses Gremium der sieben größten Industrienationen plus Russland aber auf politische Themen beschränkt und wirtschaftliche sowie finanzpolitische Fragen im vertrauten Zirkel ohne Moskau behandelt.

Offiziell führen die G8 jetzt Russlands wirtschaftlichen und demokratischen Fortschritte als Gründe für die Aufwertung an. Die hat es in einigen Bereichen zwar gegeben, doch ist das Land in beiden Bereichen nach wie vor weit vom Niveau der G8-Partner entfernt. Das entscheidende Argument ist ein anderes, wie der Gipfel offen einräumt: "Die Welt ändert sich, und Russland hat sein Potenzial unter Beweis gestellt, dass es eine vollwertige und gewichtige Rolle beim Herangehen an die vor uns stehenden globalen Probleme spielen kann." Im Klartext: Weil Washington Moskau im Kampf gegen den Terror benötigt, wird Russland zur Wirtschaftsmacht honoris causa ernannt.

Somit sagt die G8-Entscheidung wenig über Russlands Fortschritte und viel über die aktuelle Weltordnung aus: Im neuen politischen Achter reiht sich Putin als Ruderer ein, Richtung und Tempo aber gibt Schlagmann Bush vor. Der Weltwirtschaftsgipfel wandelt sich auf diese Weise endgültig zur elitären Weltregierung unter amerikanischer Dominanz in Konkurrenz zur repräsentativen Uno.

Putin fallen - völlig verdient - die Früchte dieser Entwicklung zu. Doch ob er sie in konkrete Vorteile für sein Land umsetzen kann, steht auf einem anderen Blatt. Zwar wird zum Beispiel die G8-Entscheidung durch eine 20 Mrd. $ starke Finanzspritze zur Sicherung der russischen Nuklearbestände vergoldet, doch bleibt die Aufwertung Moskaus vor allem protokollarischer, also symbolischer Natur.

Erst die Aufnahme Russlands in die Welthandelsorganisation WTO würde das Land tatsächlich in die Weltwirtschaft integrieren. Erst dann würde der Weg für das so dringend benötigte Auslandskapital frei. Doch dafür müssten die russischen Unternehmen wettbewerbsfähig werden, was wiederum grundlegende marktwirtschaftliche Reformen voraussetzt, zum Beispiel bei den Energiepreisen.

Solange Putin aber diese - zugegebenermaßen innenpolitisch höchst brisanten - Hausaufgaben nicht erledigt, bleibt die WTO in weiter Ferne und Russland ein G8-Mitglied ehrenhalber.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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