Russland
Warten auf den Tod

Nach 58 Stunden stürmen russische Spezialeinheiten das Musical-Theater. Sie setzen Nervengas ein. Mehr als 100 Geiseln sterben - Chronologie der blutigen Befreiung.

Das Ringen um das Leben der Moskauer Geiseln geht am Freitagabend in seine entscheidende Phase. Das spüren alle, die in Russland die beliebte NTW-Live-Fernsehsendung "Swoboda Slowa" ("Redefreiheit") anschauen. Der bekannte russische Regisseur Mark Rosowskij ist zu Gast und rührt die Zuschauer mit einem eindringlichen Appell zu Tränen: "Mein Kind sitzt da drin. Ihr Kidnapper - lasst es frei und nehmt mich dafür."

Rosowskijs 14 Jahre alte Tochter Alexandra ist Darstellerin beim Musical "Nord-Ost" im Kulturpalast des Moskauer Kugellagerwerks. Sie gehört zu den mehr als 700 Geiseln, die rund 50 tschetschenische Rebellen am Mittwochabend bei einer Vorstellung genommen haben.

Einige Zuschauer im Saal des TV-Studios beginnen zu weinen, als der Regisseur hinzufügt: "Ich bin mir sicher: Wenn die Polizei den Konzertsaal stürmt, gibt es ein Blutbad. Es ist so zynisch in diesen Tagen, wenn Politiker sagen, man solle nicht mit Geiselnehmern verhandeln."

Das Leiden Rosowskijs steigert sich ins Unerträgliche, als er am frühen Samstagmorgen gegen 1.30 Uhr am Fernsehen miterleben muss, wie die bekannte russische Journalistin Anna Politkowskaja, die mit den Terroristen gesprochen hat, das Theater verlässt und sagt: "Wenn Präsident Putin mindestens eine Armee-Einheit aus Tschetschenien abzieht und den Krieg für beendet erklärt, lassen sie die Geiseln frei." Doch darauf, so schwant dem bekannten Theatermann, wird sich der "eiserner Wladimir" genannte Kremlherr nicht einlassen.

Wie sehr er Recht behalten sollte, wird bereits Minuten später klar: Die Miliz fordert die Journalisten auf, die das Drama seit Tagen an den Absperrungen verfolgen, sich weiter zurückzuziehen. "Schon seit dem späten Nachmittag war mir klar, dass die ,Stunde null? sich nähert, als immer mehr Soldaten und Polizisten mit schusssicheren Westen aufziehen", berichtet der deutsche Botschafter Hans-Joachim von Ploetz. Er hatte auch beobachtet, wie in den Straßenzügen rund um den Musical-Palast unzählige Krankenwagen und Busse zusammengezogen wurden.

Um 2.19 Uhr Moskauer Ortszeit ist es so weit, die Aktion zur Befreiung der Geiseln läuft an, die ersten Schüsse fallen. Ein junger Mann versucht, in den Konzertsaal einzudringen und seine Tochter zu befreien. Die Kidnapper erschießen ihn. Den Wirrwarr um den Abtransport der Leiche nutzen Soldaten der Antiterroreinheiten "Alpha" und "Witjas", um unbemerkt in den Keller des Theaters vorzudringen. Dort verschanzen sie sich und warten auf den weiteren Einsatzbefehl.

Der kommt gegen 5.35 Uhr. Zwei Geiseln sollen kurz zuvor erschossen worden sein. Die Interfax-Redakteurin Olga Tschernjak, selbst unter den Geiseln, erinnert sich später: "Wir haben alle auf den Tod gewartet. Dann richteten sie die ersten zwei Geiseln hin. Einem Mann schossen sie ins Auge, es floss viel Blut." Allerdings fanden sich zunächst keine anderen Augenzeugen für diese Version der Angestellten der halbstaatlichen Nachrichtenagentur.

Wie auch immer. Die im Theaterkeller versteckten Soldaten beginnen kurz darauf, über die Luftschächte Nervengas in den Zuschauerraum zu leiten. So wollen sie einen Großteil der Terroristen betäuben. MP-Salven sind zu hören, auch zwei schwere Explosionen. "Es riecht nach Gas", meldet eine Geisel per Handy. Einige schaffen es, sich Tücher vor die Nase zu ziehen. Im Saal, in dessen Mitte ein gewaltiger Sprengsatz deponiert ist, versuchen derweil einige der verschleierten Witwen unter den Geiselnehmern, ihre um den Bauch gebundenen Sprengsätze zu zünden. Doch sie sacken in ihren Sitzen zusammen.

Polizisten mit Schusswesten, Helmen und auffälligen weißen Binden, um sich gegenseitig gut zu erkennen, stürmen in den Saal, erschießen sofort die im Zuschauerraum patrouillierenden Geiselnehmer. Ein Video des Geheimdienstes FSB zeigt später in Blutlachen liegende Kidnapper mit zerrissenen Bäuchen, einen Mann mit abgerissenem Arm und die kopfüber zwischen zwei Sesseln hängende Leiche eines schwarz gekleideten Terroristen. Tote Tschetscheninnen sitzen wie schlafend in den Polstern. Daneben leblose Körper von Menschen, die an ihrem Erbrochenen erstickt sind. Das verströmte Gas, vermutlich der russische Kampfstoff Inkapasitant, raubt dem Hirn die Steuerungsfähigkeit, schläfert ein und erzeugt starken Brechreiz.

Nach gut 40 Minuten, in denen Schützenpanzer vor dem fünfstöckigen Kulturzentrum vorfahren, sich Soldaten von den Dächern abseilen und in das Gebäude eindringen, ist die Befreiungsaktion vorbei. Mindestens 70 Krankenwagen rasen zum Theater, um Verletzte zu retten. Auf Bahren tragen Sanitäter Bewusstlose heraus. "Mehr Ärzte, mehr Ärzte", schreien Polizisten. Durch die Scheiben eines davonfahrenden Notarztwagens ist zu erkennen, wie Ärzte um das Leben von zwei Opfern ringen.

Wer nur gestützt zu werden braucht, wird zu Bussen geführt. Vor allem die Kinder, aber auch viele der 75 ausländischen Geiseln sind weitgehend unverletzt - sie saßen auf der Empore. Doch auch unter diesen beiden Gruppen gibt es Opfer. Am Sonntag wird der Tod einer Holländerin und eines 13-jährigen kasachischen Mädchens bekannt gegeben. Beide sind nach Informationen des Fernsehsenders NTW im Krankenhaus an den Folgen des eingesetzten Nervengases gestorben. Die zwei deutschen Geiseln überleben "äußerlich unverletzt", wie Botschafter von Ploetz berichtet, sie liegen aber noch im Krankenhaus.

Mit den Ärzten kommen auch Spezialisten der Armee in das Theater, die die rund 50 ausgelegten Sprengsätze entschärfen. Dann erst werden im Laufe des Samstagmorgen die mehr als 100 Leichen geborgen.

Am Mittag tritt schließlich Vize-Innenminister Wladimir Wassiljew vor die Presse. "Und jetzt die Zahlen, auf die sie so lange warten. Das Ergebnis der Spezialoperation . . ." Der weißhaarige Einsatzleiter schweigt sekundenlang, atmet noch einmal tief durch und hebt erneut die Stimme: "Wir haben über 750 Geiseln retten können. Doch wir trauern auch mit den Familien der 67 Umgekommenen. 34 Terroristen wurden getötet, auch Anführer Mowsar Barajew."

Der Politiker bestreitet, dass der Gaseinsatz Menschenleben gefordert hat, und rechtfertigt den Einsatz: "Unsere Entscheidung war richtig und rechtzeitig, sonst hätten wir 1 000 Menschen verlieren können. Wir haben die ganze Zeit die Last auf unseren Schultern getragen, dass wir womöglich niemanden hätten retten können, dass vielleicht eine große Explosion das gesamte Gebäude hätte einstürzen lassen."

Er bestätigt aber auch, "dass wir ein Spezialmittel eingesetzt haben. Nur so konnten wir die Kamikaze-Frauen neutralisieren, die sich Sprengsätze um den Bauch gebunden und ihre Finger ständig an den Zündern hatten." Doch daran sei niemand gestorben.

Ärzte, denen später vom Geheimdienst verboten wird, Auskunft über die Todesursachen der in die Hospitäler Eingelieferten zu geben, hatten am Morgen anderes angedeutet. Auch die offiziellen Opferzahlen erweisen sich Stunden später bereits als falsch. Bis gestern Nachmittag stieg die Zahl auf 118.

Wie die Geiseln in ihrer 58-stündigen Gefangenschaft gelitten hatten, machen Besuche in den Krankenhäusern deutlich: "Sie haben immer mal wieder in die Luft geschossen, und wir fielen vor Angst fast aus unseren Sesseln", berichtet Swetlana Kononowa über das, was sie als "die Hölle meines Lebens" bezeichnet.

Die 19-Jährige liegt im Krankenhaus, nachdem sie sich bei der Flucht aus dem Theater den Fuß gebrochen hatte. "Immer wieder sagten sie, sie warteten nur noch auf einen Anruf des tschetschenischen Rebellenführers Schamil Bassajew und würden dann alles in die Luft sprengen." Sie habe riesige Angst gehabt, "die nur kurz verschwand, wenn ich mal einnickte".

Damit das nicht zu oft geschah, schrien die Kidnapper ihre Opfer immer wieder an: "Aufstehen, hinsetzen, aufstehen, hinsetzen." Der Psychoterror machte die Menschen stumm vor Angst. "Nur einmal brandete Applaus aus den Reihen der Geiseln auf", erinnert sich Swetlana: Als Kinder und eine Schwangere freigelassen wurden.

Während der Stunden in Gefangenschaft sitzt gleich neben ihr eine der schwarz verschleierten tschetschenischen Witwen mit einem Sprengsatz um den Leib. Männer und Frauen sind längst getrennt worden. Es stinkt bestialisch, denn die Geiseln durften ihre Notdurft nur im Orchestergraben verrichten. "Sie können sich gar nicht vorstellen, was Freiheit ist", weint Swetlana leise. "Heute esse ich sie, ich trinke sie, ich ergötze mich an ihr. Freiheit - das ist mehr als Leben."

Wenn sie in gut zwei Wochen die Klinik verlassen könne und der Fuß geheilt sei, dann habe sie nur noch ein Ziel: "Ich will Russlands beste Tänzerin werden - am liebsten im Nord-Ost-Theater."

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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