Russlandgeschäft scheiterte völlig
Herlitz: Auch Marktführer sind nicht vor Pleiten gefeit

Die Notbremse in der Herlitz-Misere ist alles andere als ein Ergebnis plötzlich aufgetauchter Altlasten oder unerwarteter Finanzschwierigkeiten. Deutschlands Marktführer für Schreib- und Bürowaren schleppte sich in den vergangenen Jahren bis zum Insolvenzantrag von einem Sanierungskonzept zum nächsten. Auch das gute erste Quartal dieses Jahres konnte nichts mehr ändern. Zu groß waren die in der Vergangenheit aufgetürmten Probleme.

dpa BERLIN. Die Traditionsfirma hatte in den 90er Jahren das "Kunststück" fertig gebracht, als Branchenprimus mit anerkanntem Markennamen immer tiefer in die Krise zu rutschen. Das konnten auch der Rückzug der Familie, das fast im Zweijahres-Rhythmus wechselnde Management sowie anhaltende Stellenstreichungen und Firmenverkäufe nicht verhindern.

Nach dem Mauerfall hatten sich die Familienoberhäupter beim rasanten Wachstum durch Zukäufe und neue Fertigungsstätten schlichtweg übernommen. Die Summe aus Immobilienkrise, Entwicklung der Papierpreise, Billigkonkurrenz aus Osteuropa und vor allem ein gescheitertes Russlandgeschäft machten aus Herlitz einen der größten börsennotierten Kapitalvernichter in Deutschland. 1994 hatte der Kurs der Aktie noch bei fast 220 Euro gestanden, an diesem Mittwoch fiel er unter ein Euro.

An Großprojekten der Firma mit dem einstigen Motto "Eine Idee voraus" mangelte es nicht. Für 350 Millionen DM wurde ein riesiges Fertigungs- und Versandzentrum bei Berlin in Angriff genommen. Herlitz finanzierte für 750 Millionen DM eine Großsiedlung mit 1350 Wohnungen. Völlig zum Desaster geriet von 1994 an die Beteiligung am russischen Zeitungspapierhersteller AO Volga.

Schon 1996 kündigte Vorstandschef Peter Herlitz eine "Generalbereinigung" an und meinte siegessicher: "Wir haben keine Leichen mehr im Keller." Die Zukunftsprojekte sollten wieder abgestoßen und Herlitz auf das Kerngeschäft beschränkt werden.

Zu spät, wie sich zeigte. Mehrere als Sanierer geholte Spitzenmanager konnten das Ruder nicht mehr rumreißen. Selten gaben sich neue Vorstandschefs in so kurzen Abständen die Klinke in die Hand wie bei Herlitz. Die Banken wollten sich das Trauerspiel bald nicht mehr länger anschauen und übernahmen im Frühjahr 2001 die Mehrheit. Schnell kam es aber auch unter den Finanzinstituten - wie bei anderen prominenten Insolvenzfällen auch - zu Differenzen. Bald drängten die ersten auf Insolvenz, um über den Verkauf lukrativer Firmenteile wenigstens einen Teil des Geldes zurückzuholen.

Für Berlin - die Hauptstadt war noch lange nach der Wende größte deutsche Industriemetropole - ist Herlitz ein weiterer Rückschlag. PDS-Wirtschaftssenator Gregor Gysi war in seinen ersten Amtstagen weniger als Gestalter, sondern vielmehr als Feuerwehrmann gefragt. Da hat Babcock Borsig das Produktions-Aus in Berlin beschlossen ebenso wie Pirelli. Den Getränkehersteller Spreequell drängt es ins Umland. Herlitz dürfte kaum die letzte Hiobsbotschaft gewesen sein.

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