RWI hält Diskussion über Wechselkursvorteil für überzogen
Euro-Abwertung beflügelt Export nur wenig

Die Exportstärkung in Deutschland durch die Euro-Abwertung gegenüber dem US- Dollar ist keineswegs so ausgeprägt, wie vielfach angenommen wird.

ari DÜSSELDORF. Nach Berechnungen des Rheinisch- Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen, verbessert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen bei einem um 20 % niedrigeren Eurokurs zum Dollar nur um 1,1 %. Der Export der gesamten Industrie könne damit 0,8 % höher ausfallen als ohne Abwertung.

Weltweiter Boom bringt mehr

Die stärksten Exportsteigerungen sind nach RWI-Einschätzung im Straßenfahrzeugbau (+1 %) und in der Chemieindustrie (+0,9 %) zu erwarten. Deutlich unterdurchschnittlich wäre der Effekt beim Maschinenbau (+0,4 %), noch kleiner und kaum spürbar (+0,2 %) bei der Textil- und der Elektroindustrie. Zudem seien die wechselkursbedingten Zuwächse erst zeitverzögert im Verlauf von drei bis vier Quartalen zu erwarten.

Der größte Teil des bisher zweistelligen Exportanstiegs im laufenden Jahr ist deshalb nach Ansicht des RWI auf die kräftige Weltkonjunktur zurückzuführen und nur ein geringer Teil auf die Abwertung des Euros. Berücksichtigt man weiter, dass der Export etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht, habe ein abwertungsbedingter Exportanstieg von 1 % einen Anstieg des BIP um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte zur Folge, sagte RWI-Ökonom Roland Döhrn dem Handelsblatt. Diese könnten allerdings sogar ausbleiben, wenn wie derzeit der durch die Euro-Abwertung verschärfte Preisanstieg für bestimmte Energieformen die Verbraucher im Inland dazu veranlasst, an ihren Ausgaben für andere Konsumgüter und Dienstleistungen zu sparen.

Döhrn hält es durchaus für möglich, dass gerade bei den Pkw-Herstellern die Benzinverteuerung negative Folgen für den Absatz hat. Ihr Exportvorteil könne so aufgezehrt werden. Wichtiger als die Frage, in welchem Ausmaß die Euro-Abwertung den Export beflügele, sei deshalb die Frage der Auswirkungen der Ölverteuerung auf das Konsumverhalten im Inland. Denn die höheren Importpreise bedeuten eine Minderung des Realeinkommens der Verbraucher. Einen stärkeren Einsatz der Ersparnisse zur Aufrechterhaltung der Konsumgewohnheiten hält das RWI angesichts der für deutsche Verhältnisse inzwischen niedrigen Sparquote für wenig wahrscheinlich.

Auch die Kosten für die Produktion steigen

Für die Berechnung des möglichen Exportanstiegs durch die Euro-Abwertung berücksichtigt das RWI drei Einzelaspekte (RWI-Konjunkturberichte, Heft 1/Juli 2000). Erstens verbilligt ein niedrigerer Euro die deutschen Ausfuhren, was die Exportchancen verbessert. Zweitens steigen durch den ungünstigeren Wechselkurs zum Dollar die Einfuhrpreise, was zahlreiche Rohstoffe und Vorprodukte sowie damit letztlich die Produktion verteuert. Drittens eröffnet sich für die deutschen Exporteure die Möglichkeit, den Wechselkurs bedingten Spielraum für Preissenkungen nicht vollständig zu nutzen, also die in Euro gerechneten Exportpreise anzuheben, was die Gewinnsituation verbessert. In der Praxis lässt dies der Wettbewerb mit anderen ausländischen Anbietern aber nicht immer und im vollen Umfang zu.

Wettbewerbsvorteil sektoral unterschiedlich

Die höheren Produktionskosten und die Realisierung höherer Exportpreise führt nach der RWI-Analyse dazu, dass sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure nicht in dem Ausmaß verbessert, wie es die nominale Abwertung des Euros erwarten lässt. Dabei hat das Institut große Unterschiede zwischen den Wirtschaftszweigen festgestellt. So bewirkt eine Euro-Abwertung um 20 % zum Dollar einen Rückgang des nominalen effektiven Wechselkurses für den deutschen Maschinenbau von 3,6 %, für die Bekleidungsindustrie aber nur von 1 % (Industriedurchschnitt: -2,7 %). Berücksichtigt man weiter den je nach Anteil importierter Vorprodukte unterschiedlich hohen Anstieg der Erzeugerpreise (0,3 bis 0,6%), erhält man entsprechend geringere reale effektive Wechselkursrückgänge. Hinzu kommt das Ausmaß der Weitergabe des Wechselkursrückgangs an die ausländischen Kunden. Die Nahrungsmittelindustrie tut dies fast vollständig, der Maschinenbau und die Elektroindustrie mit nur 20 % am wenigsten, weil für ihre Produkte auf den Auslandsmärkten weniger der Preis sondern Neuentwicklung, Qualität und Service eine Rolle spielen.

Alle drei Effekte zusammen spiegeln die tatsächliche Veränderung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft allein durch eine 20 %-ige Euro-Abwertung wider. Nach der RWI-Modellrechnung ist der spezifische Abwertungssatz für die Chemieindustrie mit 2,2 % am höchsten, dagegen in der Textil- und Bekleidungsindustrie mit 0,2 % kaum noch spürbar. Kleiner als im Industriedurchschnitt von 1,1 % wären auch die Vorteile des Straßenfahrzeugbaus (0,9 %), der Eisen- und Stahlindustrie (0,8 %), des Maschinenbaus und der Nahrungsmittelindustrie (je 0,7 %) und der Elektroindustrie (0,5 %). Inwieweit sich diese Wettbewerbsvorteile für eine Exportsteigerung nutzen lassen, hängt wiederum davon ab, wie elastisch die Ausfuhren auf Wechselkursveränderungen reagieren. Auch dies ist je nach Branche und Wirtschaftszweig unterschiedlich. Das RWI hat errechnet, dass eben der größte Teil des abwertungsbedingten Exportanstiegs der Industrie auf Straßenfahrzeugbau und Chemieindustrie entfiele. Vom schwachen Euro würden damit letztlich also nur wenige Sektoren profitieren.

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