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Saab 9-3 für Individualisten zu bürgerlich

Die schwedische Marke Saab ist auf der Suche nach einem modernen Profil. Bis ein neuer Ansatz gefunden ist, muss der GM-Tochter Sportlichkeit als Verkaufshilfe genügen. Das neue Modell 9-3 beweist es.

HB STOCKHOLM. Das neue Mittelklassemodell Saab 9-3 fällt - ganz im Gegensatz zu den Studien 9X und 9-3X, die auf den zurückliegenden Automessen für Furore sorgten - mit seiner eher konventionellen Stufenheck-Karosserie kaum auf. Der 9-3 betont zwar die markentypische, dreiteilige Kühlerfront, doch ohne den Grill wäre es um Wiedererkennungswert und Markenidentität schlecht bestellt.

Ex-Mercedes-Gestalter Michael Mauer, seit zwei Jahren Designchef bei Saab, kam ein Jahr zu spät, als dass er noch Einfluss hätte nehmen können. "Zumindest an der Frontpartie", so sein Einwand, "wäre ein Schritt nach vorne denkbar gewesen." So aber verliert sich das Saab-Gesicht im Gestaltungseinerlei, anstatt die Marke klarer und eindeutiger zu positionieren. "Sie ist derzeit weder Fisch noch Fleisch", so ein Branchenkenner, der nicht genannt werden möchte. Schließlich gehört zu einem Saab eigentlich etwas Schräges, Skurriles. Weil die Marke immer etwas anders war, fühlen sich gerade Individualisten besonders zu ihr hingezogen.

Da es noch dauert, bis die ersten Entwürfe von Michael Mauer in die Serie einfließen und Saab zur Designer-Marke innerhalb des General-Motors-Konzerns avancieren könnte, versucht man es im schwedischen Trollhättan ersatzweise mit einer Extraprise Sportlichkeit. Auch dafür trägt ein Deutscher die Verantwortung. Chassis-Entwickler Ekkehard Schwarz, vor zehn Jahren von BMW gekommen, hat sich bei der Fahrwerksabstimmung ganz an der BMW 3er-Reihe orientiert.

Obwohl der Saab 9-3 im Gegensatz zum BMW seine bis zu 210 PS Leistung allein über die Vorderräder abgibt, sind Handling und Kurvenfreude, Lenkpräzision und Geradeauslauf von einem Auto mit Hinterradantrieb kaum mehr zu unterscheiden. Ähnlich wie beim 3er-BMW gehen Sportlichkeit und Komfort eine ideale Verbindung ein. Straff gedämpft lässt sich der Saab 9-3 einerseits äußerst flott durch schnelle Biegungen dirigieren. Andererseits zeigt er sich beim Überqueren von Bodenwellen oder auf ruckeliger Fahrbahn den Insassen gegenüber rücksichtsvoll. Sein Fahrwerk filtert grobe Stöße erstaunlich gut ab.

Diesen Eindruck unterstützen die hervorragenden Vordersitze. Sie geben dem Körper guten Halt und bieten gleichzeitig viel Komfort. Davon abgesehen liegt das Interieur leider nicht auf Premiumniveau. Ständig wechselnde Oberflächenstrukturen in zum Teil billig wirkendem Hartplastik, wie etwa die Armaturenbrettumrandung, vermitteln nicht unbedingt eine hohe Wertanmutung.

Gegen die technische und Sicherheitsqualität (rundum Airbags, aktive Kopfstützen vorne, ABS und elektronischen Schleuderschutz ESP) ist dagegen nichts zu sagen. Der 9-3 vermittelt den Eindruck eines zwar leichtfüßigen, aber doch soliden Wagens. Der Kunde hat die Wahl unter drei Benzinmotoren (150 bis 210 PS) und einem Diesel (125 PS) - alle ausschließlich in Vierzylinder-Bauweise mit Turbotechnik. Diese wird bei Saab besonders gepflegt, und so gehen die Motoren kraftvoll und kultiviert zu Werke.

Vier Ausstattungsvarianten stehen zur Verfügung. Die Basisversion hört auf den Namen Linear, dann folgen Arc und Vector. Der besonders sportliche Aero ist nur in Verbindung mit dem stärksten Motor zu bekommen, er rollt aber erst im Frühjahr 2003 zu 32 100 Euro an den Start. Die anderen Versionen stehen Ende September (ab 25 150 Euro) beim Händler.

Kurzfristig mag der neue Mittelklassewagen, der auf Konkurrenten wie Audi A4, 3er-BMW oder Volvo S60 zielt, Saab mehr Kunden bringen. Die Stammkundschaft jedoch, die Liebhaber der Marke, dürfte sich dem neuen Modell zögerlich nähern. Ihnen bietet der neue 9-3, gemessen am individuellen Image der Marke, einfach zu wenig Originalität.

Die eingefleischten Saab-Käufer müssen sich noch gedulden, bis Chefdesigner Michael Mauer mit den ersten Varianten wie dem Kombi oder dem 9-3X mit Allradantrieb zeigen kann, wohin die sportliche Schweden-Marke steuert. Dann hat die Suche nach einem Saab-spezifischen Profil, das Tradition und Moderne stilistisch verbindet, hoffentlich ein Ende.

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