Sachsen-Anhalt macht Bundestagswahl spannender
Kanzler in Nöten

Die schlimmsten Befürchtungen des Kanzlers wurden noch übertroffen. Bereits am vergangenen Donnerstag hatte Gerhard Schröder die SPD-Führung auf die aussichtslose Lage eingestimmt.

dpa BERLIN. Das Blatt in Sachsen-Anhalt sei nicht mehr zu wenden, die Wahl sei für die SPD verloren, gab der Parteichef dem entsetzten Vorstand mit auf den Weg. Angesichts der deprimierenden Lage hatte Schröder seine Kundgebungen in Sachsen-Anhalt auf ein Mindestmaß beschränkt, um nicht selbst in den Geruch des eigentlichen Wahlverlierers zu kommen.

Ob dies gelingt, müssen die nächsten Tage zeigen. Nach dem erdrutschartigen Triumph vom Sonntag wird jedenfalls die Union jetzt alles daran setzen, das Ende der Ära von Reinhard Höppner in Magdeburg auch zum Anfang vom Ende der Ära Schröder in Berlin auszurufen. Der Versuch der Sozialdemokraten, den letzten Test vor der Bundestagswahl als regionales Ereignis herunterzuspielen, dürfte angesichts der Halbierung ihres Resultats in Sachsen-Anhalt nicht überall gleich einleuchten. Auch die bisherige Strategie der SPD - Bundesspitze, die PDS durch die direkte oder indirekte Beteiligung an der Macht zu entzaubern, ging in Magdeburg nicht auf.

Der voraussichtliche SPD-Machtverlust in einem weiteren Bundesland macht für Schröder nicht nur der wegen der Verschiebung im Bundesrat das Regieren noch schwieriger. Auch die Ausgangslage für die Bundestagswahl im September hat sich verschlechtert, die Union hinter sich zu lassen. Konjunkturaufschwung und Rückgang der Arbeitslosigkeit lassen weiter auf sich warten. Gegen die kompromisslose Linie der IG Metall im Tarifkonflikt ist auch Schröder scheinbar ohnmächtig. Wie er sich in dieser Situation rasch wieder ein Erfolgsimage zulegen kann, ist jedenfalls unklar.

Für einen Befreiungsschlag, etwa durch die Auswechselung einer Reihe von auch nach Ansicht vieler Parteifreunde schwacher Minister, scheint der Zeitpunkt verpasst. Dies würde ihm nicht nur von der Opposition als Torschlusspanik ausgelegt. Schröder bleibt wohl nichts anderes übrig, als auf seinen bislang klaren Sympathievorsprung vor Herausforderer Edmund Stoiber zu setzen. Doch der Kanzler weiß auch, dass mit der Aufholjagd sofort begonnen werden muss.

Das erwartete magere Abschneiden der Grünen, die ihre Wahlparty in Berlin gleich abgesagt hatten, dürfte aber auch im SPD-Lager den Kräften Auftrieb geben, die das rot-grüne Bündnis endgültig für ein Auslaufmodell halten. Die Blicke auch des Kanzlers dürften sich wieder stärker in Richtung FDP richten, die mit ihrem strahlenden Comeback im Stammland von Hans-Dietrich Genscher nun auch mit großem Selbstbewusstsein in die September-Wahl gehen können. Partei-Vize Jürgen Möllemann reklamierte bereits den Posten des Gesundheitsministers im Bundeskabinnett für die Liberalen, unter welchem Führungspartner, das ließ er offen. Doch für die Berliner FDP-Spitze dürfte es schwerer werden, mit einer schwarz-gelben Koalition in Sachsen-Anhalt eine Koalitionsaussage bis September offen zu halten. In der Rolle des umworbenen Wunschpartners der beiden großen Parteien können sich die Freien Demokraten vorerst wohl fühlen.

Für Edmund Stoibers Ambitionen auf das Kanzleramt bedeutet der Wahltriumph zum richtigen Zeitpunkt eine Steilvorlage. Die Behauptung, der Bayer könne im Osten nicht punkten, kann er jedenfalls mit Hinweis auf den Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt kontern. Um mit klarem Rückhalt und viel Selbstvertrauen kann Stoiber am nächsten Donnerstag in das erste Live-Rededuell mit Schröder im Bundestag antreten.

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