Sachsen-Anhalt
Wirtschaft vermisst bei Höppner das „Gespür“

"Eine Bilanz der wichtigsten Ansiedlungen in Sachsen-Anhalt?", fragt der Mitarbeiter im Magdeburger Wirtschaftsministerium hilflos nach. Schwierig, es sei "alles ein bisschen ungeordnet". Die Szene steht für die Stimmung im Land vor der Wahl am 21. April - von Dynamik keine Spur.

BERLIN. Gerade mal ein Prozent der Befragten sind mit der wirtschaftlichen Lage im Land zufrieden. Die Arbeitslosigkeit ist die höchste bundesweit. Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) muss fürchten, dass seine Partei unter 30 Prozent rutscht und von der CDU überholt wird.

Auch im Wahlkampf spielt die Wirtschaft eine bescheidene Rolle: Das größte Unternehmen, das Höppner und Wirtschaftsministerin Katrin Budde besuchen, ist das neue Spanplattenwerk der Glunz AG in Nettgau - für die öde Altmark im Norden des Landes sind die 400 Jobs ein echtes Highlight.

Voll Neid blicken die Sachsen-Anhaltiner nach Leipzig/Sachsen, das im BMW-Rausch schwelgt. Das verkehrstechnisch ebenso günstig gelegene Halle/Sachsen-Anhalt kam im Rennen um die Mega-Ansiedlung nicht einmal in die Endrunde. Stattdessen musste Höppner den Kanzler mobilisieren, um das bedrohte Bombardier-Werk Ammendorf zu "retten".

Sicher, auch in Sachsen-Anhalt gibt es heute rund 30 Biotech-Unternehmen, und rund um Halle arbeiten rund 3 500 Menschen in Firmen der neuen Medien. Doch das sind noch sehr zarte Pflänzchen.

An der Infrastruktur hapert es nicht, sagt Klaus Liedke, Geschäftsführer des Arbeitgeber-Verbands. Es fehlt eigentlich nur noch die A14 von Magdeburg gen Norden - und die hat der Kanzler versprochen. Entscheidender ist die "schlechte Stimmung", die auch Höppner beklagt. Daran sei dieser aber selbst schuld, klagen Manager hinter vorgehaltener Hand: er verbreite keinen Optimismus, Wirtschaft sei für ihn eine "black box", ihm fehle das richtige Gespür. Und die Lücke, die der umtriebige frühere Ruhrkohle - Manager Klaus Schucht hinterließ, als er 1999 als Wirtschaftsminister ausschied, hätten die Nachfolger Matthias Gabriel und Budde nicht füllen können. Viele hoffen nun, dass Johannes Ludewig in die Bresche springen kann: Ludewig war früher Ost-Beauftragter Helmut Kohls, nun berät er den CDU-Spitzenkandidaten Wolfgang Böhmer.

Bekannt ist das Land nach wie vor nur für die Chemieindustrie, für die heute wieder rund 12 000 Menschen arbeiten. Dow Chemical und Elf Aquitaine haben zusammen mehr als fünf Mrd. Euro investiert - ihnen verdankt Höppner auch den Spitzenplatz-Ost bei den Auslandsinvestitionen. Doch die großen Erfolge der ersten Jahre sind vorbei, die Investorensuche ist mühselig geworden: Der größte Neuzugang im Chemiepark Bitterfeld/Wolfen etwa, der noch 350 Hektar Fläche zu vergeben hat, ist mit einer Investitionssumme von 35 Mill. Euro der japanische Bayer-Zulieferer Mitsui.

Job-intensiver als die Chemie ist die Lebensmittelindustrie: Im wichtigsten Industriezweig des Landes arbeitet jeder fünfte der insgesamt rund 100 000 Industriebeschäftigten. Ein Flaggschiff ist Kathi, Herstelle von Backmischungen in Halle. Fast im Stillen läuft die Branche gut, 2001 legte sie fast 17 Prozent zu.

Nur etwa 10 000 Menschen arbeiten in den 155 Maschinenbau-Betrieben des Landes. Die größte Hoffnung setzt Ministerin Budde auf die Autozulieferer, die das vom Bund geförderte Netzwerk "Mahreg" gegründet haben. Bislang leben sie hauptsächlich von Aufträgen von VW aus Wolfsburg - künftig könnte das Geschäft auch mit BMW in Leipzig in Gang kommen. Fast trotzig hält Budde die Fahne des Tourismus hoch: der sei mit 5,4 Millionen Übernachtungen auf dem Weg zum "prägenden Wirtschaftsfaktor". Im touristisch eher öden Brandenburg sind es gut acht Millionen.

Es ist das wirtschaftspolitische Allerlei, der Mangel an Prioritäten, der 49 Unternehmer und Ökonomen so erboste, dass sie Höppner kürzlich einen geharnischten Brief schrieben und ein " wirtschaftspolitisches Leitbild" einforderten. Vom Tourismus jedenfalls sei "nicht viel zu erwarten", meint Verbandsgeschäftsführer Liedke. "Touristisch erschlossen ist bei uns nur der Harz, und selbst dort fahren die Leute zum Übernachten noch immer in den West-Teil."

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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