Sachverständigenrat
Reformbedarf bei EZB-Strategie ausgemacht

Bei der geldpolitischen Strategie der Europäischen Zentralbank (EZB) besteht nach Einschätzung des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Reformbedarf.

Reuters FRANKFURT. "Insbesondere wäre es überlegenswert, der ersten Säule der EZB-Strategie eine weniger prominente Rolle zukommen zu lassen und die monetäre Analyse in die Analyse der sonstigen Risiken für die Preisniveaustabilität zu integrieren", heißt es in dem am Mittwoch vorgelegten Gutachten der "Fünf Weisen". Der Rat mahnte außerdem an, die EZB solle den Inflationsprognosen mehr Gewicht einräumen und ihre Geldpolitik an einer direkten Inflationssteuerung ausrichten.

Insgesamt bewerteten die "Fünf Weisen" die Geldpolitik der EZB als angemessen. Dennoch könne die EZB mit einer Zinssenkung zum Jahresende zu einer Konjunkturbelebung beitragen. Die Wirtschaftsweisen erwarten wie auch viele Finanzmarktexperten eine baldige Senkung des Schlüsselzinses von 3,25 % um 25 oder 50 Basispunkte.

EZB sollte ihre zwei strategischen Säulen integrieren

Der Sachverständigenrat sprach sich dafür aus, eine differenzierte monetäre Analyse beizubehalten. "Wir regen jedoch an, monetären Entwicklungen nicht länger eine herausgehobene Stellung unter den Risiken für die Preisniveaustabilität in Form einer separaten Strategiesäule zukommen zu lassen." Schon jetzt schenke die EZB der Geldmenge nicht mehr Beachtung als den einzelnen Indikatoren in der zweiten Strategiesäule. "Eine Integration der beiden Säulen der EZB-Strategie wäre zielgerichtet, um die monetäre Analyse enger mit der Beurteilung der sonstigen Risiken für die Preisstabilität zu verzahnen."

Die Geldmenge M3 ist die erste von zwei Säulen, an denen die EZB ihre Geldpolitik ausrichtet. Eine umfassende Beurteilung der Preisentwicklung bildet die zweite Säule. Bei einem M3-Wachstum von 4,5 % im Dreimonatsdurchschnitt sieht die EZB ein stabiles Preisniveau gewahrt. M3 umfasst nach EZB-Definition Bargeld, Einlagen auf Girokonten, Einlagen und Schuldverschreibungen bis zu zwei Jahren, Repogeschäfte, Geldmarktpapiere und-fonds sowie Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist. Wegen der Unsicherheit an den Aktienmärkten und Kapitalumschichtungen in kurzfristige festverzinsliche Anlagen liegt das tatsächliche Geldmengenwachstum seit anderthalb Jahren deutlich über dem Referenzwert. Auch die EZB betrachtet das starke M3-Wachstum wegen dieser Sondereinflüsse schon länger nicht mehr als akute Inflationsquelle. Der Sachverständigenrat erwartet dennoch, dass die EZB die erste Strategiesäule und auch den geltenden Referenzwert dafür bei ihrer jährlichen Überprüfung im Dezember beibehalten wird.

Inflationsprognosen mehr Gewicht einräumen

"Ferner wäre es geboten, die Rolle der Inflationsprognosen im Kommunikationsprozess zu stärken und die Geldpolitik stärker an einer direkten Inflationssteuerung auszurichten", wandte sich der Sachverständigenrat weiter an die EZB. Ein Kritikpunkt war die nur halbjährliche Veröffentlichung der Inflationsprognosen der EZB. "Zentralbanken sollten sich bei der Publikation solcher Prognosen an der Frequenz der Verfügbarkeit der relevanten statistischen Daten orientieren." Mittelfristig werde die EZB "sicher auch offiziell" zu dieser Frequenz übergehen.

Unter Experten wird schon seit Bestehen der EZB die Frage diskutiert, ob ein Inflationsziel, wie es die englische Notenbank verfolgt, der auf vielen Indikatoren beruhenden EZB-Strategie nicht überlegen wäre. In der Praxis ergeben sich für beide Strategien nach Einschätzung vieler Wissenschaftler auch keine großen Unterschiede, so lange die Notenbanken klar auf ein stabiles Preisniveau abzielen.

Die "Fünf Weisen" bemängelten auch die weiten Spannen der EZB-Prognosen. Die EZB erwartet nach der Juni-Prognose für 2002 in der Euro-Zone eine Inflation zwischen 2,2 und 2,5 % und für 2003 zwischen 1,3 und 2,5 %. Die nächste Prognose wird im Dezember veröffentlicht. Die EZB solle an Stelle einer solchen Bandbreite lieber angeben, welches Inflationsszenario sie für das wahrscheinlichste hält.

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