Saddam Hussein
Kommentar: Der Taktierer

Es gehört zu den klassischen Gepflogenheiten von Diplomaten, sich gegebenenfalls kryptisch zu äußern. US-Außenminister Colin Powell macht da keine Ausnahme: Er ortet beim Thema Irak "eine veränderte politische Dynamik". Und schafft damit breiten Spielraum für Interpretationen - und Spekulationen.

Fest steht freilich, was er mit seiner Sentenz so nicht charakterisieren will: das jüngste Angebot der Regierung in Bagdad, den Waffeninspekteuren der Vereinten Nationen nun doch wieder die Rückkehr in den Irak zu erlauben.

Denn die ebenso prompte wie erwartete Antwort aus Washington lautet: Ablenkung, Täuschung. Darauf fällt ein tatendurstiger George W. Bush doch nicht herein. Saddam Husseins Timing unmittelbar vor den entscheidenden Beratungen des Weltsicherheitsrats über eine neue und, wie von den USA gefordert, robuste Irak-Resolution ist zu offensichtlich.

Der US-Präsident mag Bagdads Taktik also durchaus richtig deuten. Schließlich ist in der Offerte nicht explizit die Rede davon, dass den Waffeninspektoren auch der ungehinderte Zugang zu all jenen Anlagen, in denen die Herstellung von Massenvernichtungsmitteln vermutet wird, gestattet werden soll. Zudem ist die Erinnerung daran, dass die Uno-Teams bis zu ihrem übrigens von der Uno selbst initiierten Abzug im Dezember 1998 stets massiv bei ihrer Sisyphusarbeit behindert wurden, noch recht frisch. Beide Aspekte haben Methode und nähren fast zwangsläufig Skepsis gegenüber dem von Saddam jetzt zur Schau gestellten guten Willen.

Also bleibt es - vorerst - dabei: Mit oder ohne Resolution des Weltsicherheitsrates will die US-Regierung nicht nur die vom angeblichen biologischen, chemischen oder gar atomaren Waffenpotenzial des Iraks ausgehende Gefahr bannen. Eine fast höhere Priorität genießt heute das Ziel, den Herrscher am Tigris endlich und endgültig vom Thron zu stürzen.

Doch ganz so ungeschickt ist Saddams jüngstes Manöver keineswegs. Mit mannigfachen und teils langwierigen diplomatischen Kraftakten war es Washington gerade erst gelungen, eine - sicher noch recht kleine und fragile - Allianz für einen Krieg gegen das Zwei-Strom-Land zu formen. Als Erfolg muss dabei vor allem gewertet werden, dass es offenbar gelungen ist, wichtige, aber eben sehr unsichere Kantonisten in der arabischen Welt, allen voran Saudi-Arabien, auf eine Militäraktion gegen den ungeliebten Nachbarn einzuschwören. Und exakt auf diesen ohnehin nur lockeren Schulterschluss hat es das Regime in Bagdad wohl abgesehen.

Mit seinem neuen Angebot an die Vereinten Nationen treibt Saddam die Länder in der Nahost-Region einmal mehr in die Zwickmühle. Das Kalkül des gewieften Saddam: Wie können es islamische Staaten denn jetzt noch wagen, sich an einer amerikanischen Aggression gegen ein Bruderland auch nur indirekt zu beteiligen? Möglicherweise ohne ausdrückliche Billigung durch die Uno! Ohne bislang hieb- und stichfeste Beweise für ihre Beschuldigungen präsentiert zu haben!

Er spekuliert eindeutig auf einen Aufschrei der Massen, den sich die meisten, innenpolitisch ohnehin unter Druck stehenden Regime in der Region nicht lange leisten können. Man muss kein Prophet sein, wenn man behauptet, dass künftig wieder mehr Bilder um den Globus schwirren werden, die einen im Gebet verharrenden Saddam Hussein zeigen.

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