Said Business School, University of Oxford
Sigismund Kwok

Liebe Leser, herzlich willkommen zu meinem MBA Tagebuch. Von nun an werde ich Euch berichten aus meinem Studentenleben an der Saïd Business School an der University of Oxford. In zweieinhalb Wochen faengt das Studium offiziell an, bis dahin werde ich, tätig als Unternehmensberater, schön bei der Arbeit das Unerledigte im Projekt fertigstellen bzw. an meinen Nachfolger übergeben, sowie die spätsommerlichen Abende in Stuttgart mit den Kollegenfreuden ausgiebig genießen.

Das Auftaktkonzert


Der Oxfordsche Kalender


Die Einfuehrungswoche


Was ist ein "Sub Fusc"?



IV. Was ist ein "Sub Fusc"? (18.10.2003)

Über das Wochenende war ich auf einigen Freshers' Drinks, veranstaltet von den Societies, wo sie ihre geplanten Events nochmal vorstellen und potentielle Mitglieder willkommen hießen. Angesichts des Stundenplans, der vielen Karriereveranstaltungen im ersten Term, der auf dem Campus zusätzlich angebotenen Seminare sowie der Studenteninitiative wollte ich es bescheiden angehen lassen und sehen, was die Zeit für weitere Societies erlaubt. Das Ruderteam hat sich gleichwohl getroffen und die Trainingseinheiten festgelegt.

Es stand ebenfalls an, in den Lernmodus reinzukommen und sich für die ersten Unterrichtsstunden ab Montag vorzubereiten. Also, ran an den ersten Case Study!!

In Michaelmas Term haben wir sechs core subjects. Fächer wie People & Organisation sowie Strategic Management eignen sich hervorragend für case-basierte Unterrichtsmethode. Wir werden daher pro Woche mindestens ein Case in jedem dieser Fächer knacken. Meine allererste MBA Unterrichtsstunde fing jedenfalls sehr interaktiv an. Zum Thema individueller Entscheidungsfindung und der damit verbundenen Rationalität stieg der Dozent mit einigen lustigen Spielen ein. Er ließ die Klasse u.a. eine 10 Pfund Banknote aus seiner Brieftatsche versteigern. Spielregeln sind dabei:

a) Das Angebot wird in 20 Pence Schritten erhöht und am Ende bekommt derjenige, der am meisten bietet, das Stück Papiergeld.
b) Bezahlen müssen jedoch die zwei mit dem höchsten und dem zweithöchsten Angebot.

Der Fall war klar, aber entgegen aller Rationalität gingen die Angebote weit über die 5 Pfund Marke hinaus. Als diese an die 10 Pfund Grenze nahten, blieben nur noch zwei Studenten im Feld und merkten, daß sie in der Falle waren. Weil keiner als Zweiter enden wollte und somit nur bezahlen durfte, trieben sie ihr Angebot wild in die Höhe bis sie bei £18.40 endlich zur Vernunft kamen und kooperierten. Natürlich hätten die beiden den Schaden viel besser minimieren können, wenn sie diese Vereinbarung gleich beim Erkennen des Dilemmas getroffen hätten. Naja, jedenfalls wurde erkannt, dass Menschen - vielleicht gerade insbesondere MBAs - der beschränkten Rationalität und Übermut ausgestellt sind. Doch Spielschulden sind Ehrenschulden. Da kennt selbst der Oxford Professor keine Gnade.

Neben den normalen Unterrichten ging alles andere parellel los. Career workshops, Firmenpräsentationen, Study Group Meetings usw.

Am Samstag war das erste formelle Uni-Ereignis, worauf wir uns alle gefreut haben. Die sogenannte "Matriculation" fand statt im Sheldonian Theatre, eine Art Feier zur offiziellen Begrüßung und Aufnahme aller neuen Studenten in die Universität. Gleich am frühen Morgen hat sich jeder bei seinem College versammelt und in seinen "Sub Fusc" eingeschlüpft. "Sub Fusc" ist die Bezeichnung für die traditionelle akademische Bekleidung, die zu allen wichtigen Universitäts- und Collegeveranstaltungen angezogen wird. Sie besteht aus schwarzem Anzug, weißem Hemd, weißer Fliege, einem je nach Fakultätangehörigkeit und Degree angefertigten Gewand sowie dem quadratischen Barett "Mortar Board". Für Frauen gibt es eine kleine Variation mit der Fliege und der Kopfbedeckung. Gerade für uns Studenten aus Deutschland, wo wir an den deutschen Unis eher das Legere gewohnt sind, war das ganze formelle Aufgebot etwas Besonderes. Eine große Freude zusammen mit guten Motivationen kamen in mir auf, ein Jahr an dieser Elite-Uni studieren zu können.


III. Die Einfuehrungswoche (11.10.2003)

Letzten Samstag hatte die Schule für uns die halboffizielle Kick-Off Veranstaltung "Oxford Challenge" organisiert. Als Aufwärmübung waren wir in Teams und Subteams aufgeteilt und bekamen die Aufgabe, geschlossen als Subteam die Stadt zu Fuß zu bekunden und dabei Quizfragen zu Sehenswürdigkeiten und Historie von Oxford zu beantworten. Zeitdruck und Spielregeln erschwerten die Aufgabe. Das Spiel war so designed, dass die Aufgabe nur mit präziser Teamplannung zu meistern war. Fast jeder nahm die Sache sehr ernst. Am Ende der Lauferei hatten die Teams ihre erlebten Hochs und Tiefs an diesem Tag in einer Präsentation der gesamten Klasse vorgestellt. Spaß, Teamgeist, aber auch zum Teil Unkoordination, aggressive Busfahrer waren unter den gemeinsamen Attributen.

Am Montag begann unsere Einführungswoche. Der Dean, der MBA-Director und die ganze Mannschaft der Schule, zuständig für unterschiedliche Funktionen, haben sich nach und nach vorgestellt. Der erste Eindruck war: Der MBA Student ist der Kunde. Service-orientiert bot die Mannschaft von der Schule für alle Fragen und Belangen ihre Unterstützung an. Danach hat sich jeder Student in einer Minute vorgestellt. Am originellsten fand ich den Ex-Boxer MBA Kollegen, der seinen Beitrag in seinem Handy vorgetextet und runtergerappt hat. Der Tag wurde mit einem offiziellen Abendempfang abgerundet.

Während der Woche waren Informationsveranstaltungen verschiedener Art zu Facilitäten der Schule, Career Service, Unterrichtsfächern, Benotungsregelungen, den unterschiedlichen Studentennetwerken usw. Darüber hinaus fanden die College Einführung und der Freshers' Fair statt, welche bezüglich der Freizeitsangebote eine Menge in Aussicht gestellt haben. Als Student der Unversität hat man Zugang zu den Societies zu allen erdenklichen Themen, die sich auf dem Freshers' Fair um neue Mitgliedern ringen. Das Angebot ist wahrlich groß bezogen auf unterschiedliche Sportarten sowie ethnische, religiöse und Interessengruppen. Das einzige Problem für uns MBAler ist nur der Luxus der Zeit neben dem dichtgedrängten Unterrichtsplans. Rudern scheint für mich das typische Oxford Erlebnis zu sein, was ich unbedingt mitnehmen wollte. Ich habe mich für das College Novice Ruderteam verpflichtet.


II. Der Oxfordsche Kalendar (04.10.2003)

Der Umzug von Deutschland nach Oxford gestaltet sich problemlos. Dank des netten Kundenservice Mitarbeiters von Air-Berlin habe ich zwei Sitzplätze mit doppeltem Gewichtskontingent zu Aktionspreisen belegen können. Mit 60kg im Gepäck kam ich in London an und traf mich mit Rahim, meinem zukünftigen WG-Kollegen und ließ uns gemeinsam nach Oxford rauffahren.

Rahim is British National indischer Abstammung und hat seine Zeit als undergraduate student bereits in Oxford verbracht. Da war die Gelegenheit für mich, ihn gleich mehr über das Oxfordsche System auszufragen.

Die University of Oxford ist sehr reich an Tradition mit seiner ausgeprägten Idiosynkrasie (Dies ist kein Versuch, ein Fremdwort-Bingo zu starten. Aber dieses Wort wird hier in diesem Zusammenhang gern verwendet). Das bedeutet auch, eine quasi eigene Zeitrechnung. Das akademische Jahr teilt sich nämlich in drei terms, unsere Management Fakultät benennt sie in ihrer Reihenfolge - Michaelmas, Hilary und Trinity. Jeder Term umfaßt week 0 bis week 9. Die Examen für die undergraduates befinden sich in week 8 und für uns MBAs in week 9. Jede Woche fängt mit dem Sonntag an.

So gesehen haben die Studenten noch diese Woche frei vor dem Term Start. Kein Wunder, daß das Stadtbild noch recht ruhig ist. Außer Touristen ist von Studenten noch wenig die Spur.

Die SBS (Said Business School) ist Teil der University of Oxford, welche das Collegiate System führt. Praktisch gesehen heißt es für die Studenten, daß sie gleichzeitig mehreren "communities" angehören: 1) Als Mitglied der Universität mit ihren vielen Unions und Societies; 2) Jeder Student muß sich neben der Applikation zu der B-school zusätzlich auf einen College Platz bewerben und gehört während seines MBA-Jahrs einem der 39 Colleges an. Das College bietet dem Studenten neben akademischer Betreuung, Unterkunft, Sport und andere Freizeitsaktivität an 3) Schließlich ist man ja Teil der Zunft der MBAs und verbringt die meiste Zeit in der B-school. Ich kann schon absehen, daß es eine Kunst sein wird, die oberen 3 Bälle, zusammen mit anderen Themen wie Karriereentwicklung und Privat, zu jonglieren und gleichzeitig in der Luft zu halten.

Im Bewerbungsprocess für die SBS sind vier Termindeadlines (wave 1-4). Zusammen mit der Hauptbewerbung läuft parallel die Bewerbung für einen College Platz und Unterkunft. Die Auswahl des College hat durchaus Einfluß darauf, wie man das Campusleben außerhalb der B-school erlebt. Die Colleges haben ihre eigenen Flairs, andere Studentenschaften, unterschiedliche gute oder schlechte Infrastruktur und Unterkunft und schließlich etwas andere Sitten.Wie bei den meisten anderen B-schools, eine frühe Bewerbung hat immer Vorteile. Nichtsdestotrotz , ich bin froh, noch in wave 4 akzeptiert worden zu sein. Aber dadurch entfällt leider die große Auswahl an noch vorhandenen College Plätzen. Die "coolen", begehrten Colleges sind nämlich schnell ausverkauft. Ich wollte gern zunächst eine College Unterkunft haben. Bei der Auswahl des Colleges habe ich Kriterien wie Funding Situation, Reputation, Nähe zu City, Internationalität der Studenten herangezogen. Wenn einem all dies Analytische zu viel wird, das Alter des College ist öfters ein gutes Maß für die Überlegung.

Jedenfalls sind College Unterkünfte in wave 4 schon alle vergriffen. Ich habe mich daher zusammen getan mit Rahim und Sjoerd, einem weiteren Unternehmensberater aus Holland für eine Privat MBA-WG. Auf der Agenda für diese Woche steht sonst nur noch MBA Studenten Parties und jede Menge neue Namen und Gesichter einprägen.


I. Das Auftaktskonzert (13.09.03)

Liebe Leser,
herzlich willkommen zu meinem MBA Tagebuch. Von nun an werde ich Euch berichten aus meinem Studentenleben an der Saïd Business School an der University of Oxford.

In zweieinhalb Wochen faengt das Studium offiziell an, bis dahin werde ich, tätig als Unternehmensberater, schön bei der Arbeit das Unerledigte im Projekt fertigstellen bzw. an meinen Nachfolger übergeben, sowie die spätsommerlichen Abende in Stuttgart mit den Kollegenfreuden ausgiebig genießen.

An diesem Wochenende habe ich einen Günstigflug erwischt und fliege schon mal kurz nach London, um die nötige Logistik zu erledigen und meine Ankunft knapp vor dem Anfang des Studiums so fugenlos wie moeglich zu machen. Dadurch, dass meine Schwester und ihr Mann in London leben, versuche ich auch schon einen Teil des Gepäcks rüberzuschleppen. Unter anderem will ich ein Bankkonto eröffnen und einen Handyvertrag mit einem UK-Mobilfunkanbieter abschließen.

Die Eröffnung des Bankkontos ist kein leichtes Unterfangen, wie ich von meinen in England studierenden Freunden gewarnt wurde, bis jetzt aber nicht ganz ernst genommen habe. Dies habe ich festgestellt spätestens nach der Absage der dritten Bank, daß es durch das verschärfte Money Laundery Gesetz nicht möglich sei, ein neues Konto zu eröffnen, wenn man nicht mindestens schon ein Jahr in England wohnt und den "Prove of Address" in Form von Rechnungen vorweisen kann. Manche verlangen sogar ein Mindestjahreseinkommen. Auf der anderen Seite kann man keinen Handyvertrag abschließen (ausgenommen solche mit pre-pay aufladbarem Guthaben) wenn man kein UK-Konto hat. Es ist schon ein bißchen eine Chicken-Or-Egg Frage. Gott sei dank habe ich noch den Joker in der Tasche und mache bei der international präsenten Hausbank ein Konto auf, mit dem geringen Nachteil, daß diese in Oxford keine Filiale hat. Aber wir sind ja schließlich im Online-Banking Zeitater! Mein Rat für die Leser, die vorhaben, in England zu studieren, ist jedenfalls, sich Zeit im voraus für den Gang zu der Bank zu nehmen und eventuelle Bescheinigungen über Einkommen vom Arbeitsgeber ausstellen lassen.

Der Highlight dieses kurzen Wochenendbesuchs in London war das Proms In The Park Konzert. Es war eigentlich nicht geplant und eher eine spontane Idee. Das Open Air Konzert im Hyde Park gehörte zum Abschlusskonzert der Nights of the Proms Konzertreihe und war parallel direkt mit dem Geschehen im traditionellen Austragungsort Royal Abbey per Übertragungsbildschirm verbunden. International bekannte Solisten überzeugten von ihrer Virtuosität. Wenn aber das BBC Orchester dran kam, da wurde auch schon mal gern ein Ton mit Absicht daneben gespielt oder ein nicht ganz herkömliches "Musikinstrument" eingesetzt. Weniger seriös, jedoch äußerst effektiv, um das Publikum einzubinden. Als gegen Schluss Musik vom Englischen Komponisten Elgar gespielt wurde und patriotische Lieder wie "Land of Hope and Glory", "Rule, Britania!" und schließlich "God save the Queen" ertönten, standen die Brits im Hyde Park alle auf von ihren Picknikmatten und sangen kräftig mit. Ein Meer von Union Jacks wehte durch das Royal Abbey sowie durch den Hyde Park, zu einem Ausmaß, wie man es hier in Deutschland ohne weiteres nicht sehen würde. In diesem Augenblick wusste ich: Meine akademische Unternehmung in England und in einer der ältesten und traditionsreichen Universität Europas hat begonnen. (13.09.03)

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