Saison der Hauptversammlungen im Zeichen der Abrechnung mit Neuem Markt.
Die Stunde des Aktionärs

S o manche Frage, glaubt Reinhild Keitel, bleibt in diesem Jahr unbeantwortet. Denn, so fürchtet die Sprecherin der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), "bei einigen Unternehmen am Neuen Markt wird es gar nicht mehr zur Hauptversammlung kommen".

HB FRANKFURT. Die Pleiten und Pannen in der "New Economy" sind in der diesjährigen HV-Saison die beherrschenden Themen. Angesichts rascher Vorstandswechsel, Millionen verheizter Emissionserlöse und uferlosen Verlusten besinnen sich die Aktionäre wieder stärker auf ihre Rechte, die ihnen in den "goldenen Zeiten" der exorbitanten Kurssteigerungen vor zwei, drei Jahren ziemlich egal waren. "Jetzt machen sich einige mehr auf die Socken", sagt hat Keitel. Die Schutzvereinigungen haben viel zu tun, stehen doch pro Jahr zwischen 900 und 1 000 Termine an.

Bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) werde man in den nächsten Monaten "sehr häufig den Vorstand und/oder den Aufsichtsrat nicht entlasten", erläutert Geschäftsführer Carsten Heise. Außerdem würden die Manager mit genauen Fragen konfrontiert. Man werde exakte Prognosen zu Umsatz und Gewinn einfordern, sich die Verwendung der Mittel aus dem Börsengang erläutern lassen und einen detaillierten Finanz- und Liquiditätsbedarf pro Monat abfragen, versichert Heise. "So wollen wir herausfinden, wann die Aktionäre unter Umständen mit Kapitalmaßnahmen der Gesellschaft rechnen müssen". Obwohl Hauptversammlungen im Internet-Zeitalter - wie etwa beim Chemiekonzern Celanese - virtuell besucht werden können, sollte man als Aktionär zu wenigstens ein oder zwei Veranstaltungen pro Jahr hinfahren, zumal die Aufwendungen für Anreise und Teilnahme steuerlich absetzbar sind.

"Nur hier hat der private Anleger die Möglichkeit, das gesamte Management von Angesicht zu Angesicht zu sehen", erläutert Heise. Jeder Aktionär hat ein Rede-, Auskunfts- und Stimmrecht, wobei der Vorstand die Auskunft nur unter bestimmten Bedingungen verweigern darf (Paragraf 131 Aktiengesetz).

Mahnendes Gewissen der Unternehmer

Zwar können sich auch die Aktionärsvereinigungen auf Grund der von Banken und institutionellen Investoren geprägten Mehrheitsverhältnisse mit ihren Forderungen nur selten durchsetzen, aber die Außenwirkung ist dank der Medienpräsenz eben doch sehr hoch. Heise beschreibt die Aufgabe der DSW, als "mahnendes Gewissen der Unternehmen" aufzutreten und eine Kontrollfunktion für die Öffentlichkeit auszuüben. "Wo sonst werden so offen die Fehler des Managements genannt", fragt Heise. Nach einer HV müsse klar sein, ob man die Aktie halten soll, zukauft oder besser aussteigt.

Klassiker für Auseinandersetzungen zwischen Aktionären und Verwaltung sind Abfindungsangebote bei Übernahmen, Kapitalerhöhungen unter Ausschluss des Bezugsrechts oder der Gewinnverwendungsvorschlag. In diesem Jahr, so SdK-Sprecherin Keitel, kommen neue Themen hinzu. Dazu gehört etwa die Frage, ob die Unternehmen ihre mit 45 Prozent Körperschaftsteuer belasteten Rücklagen (EK 45) im Zuge der Steuerreform ausschütten oder auch die Anpassung der Aktienoptionspläne an die Kursentwicklung.

Unterstützung erhalten die Aktionärsschützer von den Fondsgesellschaften, vor allem von der Union-Investment und der DWS. "Wir sind etwa dort präsent, wo indexnah ausgerichtete Fonds tangiert sind", erklärt Union-Sprecher Rolf Drees. Wenn der Aktienkurs deutlich unter dem Index liegt, gingen die Warnlampen an. "Da wollen wir dann nicht nur zusehen", erläutert Drees. Und die Fondsgesellschaft belässt es nicht nur bei mahnenden Worten. "Wir überlegen, bei der Deutschen Telekom und bei Preussag den Vorstand nicht zu entlasten." Im ersten Fall wisse man nicht so recht, ob die Telekom eigentlich operativ schwarze Zahlen schreibt, und bei Preussag sei der Konzernumbau hin zu einem Touristikunternehmen auf halbem Wege stehen geblieben. Und auch die Angelsachsen ziehen manchmal mit den Kleinaktionären an einem Strang. So schaffte die US-Gesellschaft Tweedy, Browne Fund eine Erweiterung der Tagesordnung bei der Bayer AG und fordert die Aufspaltung des Konzerns.

>>Weitere Infos für Aktionäre unter:

SdK: www.sdk.org oder telefonisch unter 0711-3452091.

DSW: www.wertpapier.de (Internet-Adresse des gleichnamigen Anlegermagazins) oder telefonisch unter 0211-669701.

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