Sammelklage nach amerikanischen Recht wird geprüft
Intershop weist Kritik an Veröffentlichungspraxis zurück

Die am Neuen Markt gelistete Intershop AG hat Vorwürfe zurückgewiesen, sie habe im Zusammenhang mit der Umsatzwarnung in der vergangenen Woche möglicherweise ihre börsenrechtlichen Mitteilungspflichten verletzt. "Wir sind hundertprozentig sicher, dass wir weder gegen Ad-Hoc-Vorschriften in Deutschland noch gegen die in den USA verstoßen haben", sagte Intershop-Sprecher John Lange am Dienstag in Hamburg.

Reuters HAMBURG. Zuvor war bekannt geworden, dass verschiedene Anwaltskanzleien die Möglichkeit von Aktionärsklagen gegen das am Neuen Markt der Frankfurter Börse notierte Software-Unternehmen untersuchen. "Wir prüfen auch eine Sammelklage nach amerikanischem Recht", sagte Dietmar Kälberer von der Anwaltskanzlei Tilp & Kälberer der Nachrichtenagentur Reuters.

Intershop hatte Anfang Januar in einer Pflichtmitteilung reduzierte Umsatz- und Ertragserwartungen für das abgelaufene Quartal angekündigt. Bei den Erlösen sei anstelle der bis dahin erwarteten 40 bis 50 Mill. Euro nur noch mit einem Volumen von 28 bis 30 Mill. Euro zu rechnen, um beim Ergebnis werde ein Nettoverlust von 30 bis 32 Mill. Euro erwartet, hatte es geheißen. Grund seien insbesondere verschobene Investitionen beziehungsweise Aufträge im Bereich elektronischer Handel (E-Commerce). In vorherigen Prognosen hatte die Firma den möglichen Verlust nicht näher konkretisiert. Die Aktie der Intershop AG brach nach der Mitteilung um zwischenzeitlich rund zwei Drittel ein und zog Hänndlern zufolge das gesamte Börsensegment mit in die Tiefe.

"Eine schlechte Nachricht nach der anderen"

Nach Worten von Intershop-Sprecher Lange ist anhand der Geschäftsbücher klar nachzuweisen, dass bis zum Ende des vierten Quartals vom Erreichen der Umsatzprognosen ausgegangen werden musste. "Erst in den letzten Tagen vor Quartalsende ist eine schlechte Nachricht nach der anderen gekommen", sagte er. Das habe sechs bis sieben Aufträge von jeweils einer Mill. Euro betroffen. Insofern habe Intershop seine Aktionäre nicht zu spät informiert, fügte Lange hinzu. Etwaige Klagen würden daher als nicht aussichtsreich angesehen. "Über Sylvester haben wir an der Meldung gearbeitet, um möglichst schnell unsere Aktionäre zu informieren." Den Verbänden der Privataktionäre habe Intershop angeboten, die Geschäftsbücher des vierten Quartals offen zu legen.

Ungeachtet dessen prüfen die Kanzleien Tilp & Kälberer sowie Rotter derzeit nach eigenen Angaben, ob Intershop gegen die Ad-hoc-Pflichten des deutschen Wertpapierhandelsgesetzes und darüberhinaus auch gegen die strengeren amerikanischen Veröffentlichungs-Vorschriften verstoßen hat. Dem sowohl am Neuen Markt als auch an der amerikanischen Technologie-Börse Nasdaq gelisteten Unternehmen drohten in beiden Fällen Schadensersatzansprüche wegen falscher oder unterlassener Information, die in den USA vom Volumen her erheblich höher ausfallen würden als in Deutschland, hieß es. Die Regeln für Veröffentlichungen seien in den USA besser und strenger, erklärte Bernd Jochem, Anwalt bei der Sozietät Rechtsanwälte Rotter. Eine Klage gegen Intershop wäre deshalb dort viel günstiger und aussichtsreicher. "Wir prüfen derzeit, ob wir gegen Intershop vorgehen und wie wir vorgehen", sagte Jochem. Dies könne zwei bis drei Monate dauern. Einige Anfragen von Mandanten lägen vor.

Untersuchungen stehen noch am Anfang

Klaus Rotter, Leiter der gleichnamigen Anwaltskanzlei, ergänzte, gemäß den Vorschriften des amerikanischen Wertpapierhandelsgesetzes Security Exchange Act und den daraus abzuleitenden Richtlinien reiche jegliche Irreführung des Aktionärs für eine Schadensersatzpflicht des beklagten Unternehmens aus. In Deutschland müsse ein Vorsatz nachgewiesen werden. Die Frage sei jedoch, ob deutsche Aktionäre in den USA klagen dürften. Darüber bestünden unterschiedliche Ansichten. Wenig Chancen sehe er dagegen, dass Intershop in Deutschland ein Verstoß gegen die Ad-Hoc-Publizität nachzuweisen sei, sagte Rotter. Auch ein Sprecher des Bundesaufsichtsamtes für Wertpapierhandel (BAWe) sagte auf Anfrage, das BAWe sehe keine Anhaltspunkte dafür, dass Intershop gegen Ad-hoc-Pflichten des Wertpapierhandelsgesetzes verstoßen habe.

"Wir sind noch ganz am Anfang der Prüfung", sagte Rechtsanwalt Kälberer. Untersucht werde unter anderem, ob die Gewinnwarnung Anfang Januar zu spät veröffentlicht worden sei. Eine erfolgreiche Sammelklage könne für Intershop einschneidend sein. "Das kann richtig teuer werden." Innerhalb der nächsten zwei bis vier Wochen solle die erste Prüfung abgeschlossen sein, ob und wie gegen Intershop geklagt werde. Seit der Veröffentlichung der Pflichtmitteilung am 2. Januar seien zwischen 50 und 100 Anfragen von Aktionären eingegangen. Rotter ergänzte, in den USA könnten einzelne Geschädigte für die gesamte Aktionärsgruppe klagen. In Deutschland erhalte nur der Kläger Schadensersatz.

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