Samuel J. Palmisano neuer IBM-Chef
Der Prediger auf dem Thron von Big Blue

Er gilt seit langem als einer der loyalsten Mitarbeiter des allmächtigen IBM-Chefs Louis Gerstner - und als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge: Samuel Palmisano. Fast 30 seiner 50 Lebensjahre hat der hoch gewachsene Manager für den Computerkonzern gearbeitet.

DÜSSELDORF. "Sam blutet Blau", schrieb Gerstner in dem Memo, in dem er den IBM-Veteran Palmisano den Mitarbeitern dann tatsächlich als seinen Nachfolger ankündigte - eine Anspielung auf den Spitznamen des Konzerns, "Big Blue". An diesem Freitag (1. März), seinem 60. Geburtstag, geht die Ära Gerstner bei IBM zu Ende - und die Ära Palmisano beginnt.

Er wird nicht viel an der Linie ändern, die Gerstner vorgegeben hat. Darüber sind sich Analysten, Investoren, Konkurrenten einig. Gerstner hat IBM mit harter Hand und Courage vor dem drohenden Untergang gerettet; Palmisano muss nun dafür sorgen, dass der gigantische Konzern weiterläuft.

Palmisano wirkt freundlich, gesellig, und im Gegensatz zu seinem charismatischen, zuweilen ruppigen Vorgänger ist er ein umgänglicher Mensch, stets auf Ausgleich bedacht. "Er wirkt ein bisschen wie ein Prediger", beschrieb ein Teilnehmer einer Kundenkonferenz seinen Eindruck. Palmisano redet bedächtig auf die Leute ein - und das kommt gut an im Auditorium. Wenn Gerstner einen Raum betrat, verstummten die Anwesenden.

Bei Palmisano ist das anders. In seinem dunklen Anzug, dem blauen Hemd und der dezent gemusterten Krawatte sieht er eher aus wie der Prototyp des IBM-Vertriebsmannes - das rote Gestell seiner großen Brille wirkt fast schon zu verwegen.

Seine umgängliche Art trug dem in Baltimore Geborenen während des Studiums der Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der renommierten Johns Hopkins University den Spitznamen "Balu" ein - nach dem Bären aus dem "Dschungelbuch". Bei IBM, wo er nach der Uni 1973 seinen ersten Job kriegte, half sie ihm bei seinem Aufstieg - über verschiedene Positionen im Marketing, im Vertrieb und in der Produktentwicklung bis zum Assistenten des Ex-Vorstandschefs John Akers.

1991 ging er für Big Blue nach Japan, als einer der wenigen US-Manager bei der asiatischen Tochter. Heute lebt der Vater dreier Söhne und einer Tochter mit seiner Frau Gaier im beschaulichen Städtchen Southport in Connecticut, hat die Fußballschuhe und das Saxofon aus seiner Uni-Zeit gegen Golfschläger, Joggingschuhe, Skier und Geschichtsbücher ausgetauscht.

Dass der freundliche Mann aber auch hart durchgreifen kann, hat er bewiesen: Der Erfolg des heute so viel beachteten Bereiches Global Services ist Palmisanos Werk.

Nach seiner Rückkehr aus Japan übernahm er zunächst die Outsourcing-Aktivitäten "Integrated Systems Solution" - ein kleiner, aber profitabler Bereich. Dann übertrug ihm Gerstner auch die Verantwortung für den verlustträchtigen Bereich Dienstleistungen und Beratung.

Binnen Jahresfrist stand unter dem Strich ein kleines Plus, und später wurde aus den beiden Abteilungen "IBM Global Services" - der Bereich, auf dem der Konzern seine Zukunft aufbaut. Dabei zeigte sich: Zielorientiert, tatkräftig und direkt sind ebenfalls Attribute, die zu Palmisano passen. Wenn etwas nicht seinen Vorstellungen entsprechend läuft, findet er einen Weg, dies zu ändern, und sei es, dass er seinen Mitarbeitern mit ständigen Telefonkonferenzen auf die Nerven geht, bis sie eine akzeptable Lösung präsentieren.

Das Vertrauen von Investoren und Analysten hat sich Palmisano erworben: Seit er im Jahr 2000 die Verantwortung für das operative Geschäft übernahm, hat er gezeigt, dass er den Laden führen kann. Doch jetzt muss er beweisen, dass er den Koloss auf Wachstumskurs halten und über die 100-Milliarden Dollar-Umsatz-Grenze führen kann.

2001 erlöste der Konzern 86 Milliarden Dollar, gut zwei Milliarden weniger als im Jahr davor. Und Palmisano hat versprochen, Gewinne nicht durch drastische Einsparungen zu erreichen, sondern vor allem durch höhere Umsätze.

Mit Spannung erwarten die Beobachter Palmisanos Antwort auf die Frage nach seiner Vision für den Konzern. Bisher hat er sich dazu noch nicht eindeutig geäußert. Gerstner hatte bei seinem Amtsantritt einst die legendäre Antwort gegeben: "Eine Vision ist das letzte, was IBM jetzt braucht."So einfach wird sich Palmisano nicht herausreden können.

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