Sanfte Salben stoppen den Juckreiz
Neue Behandlungsmethoden lindern Neurodermitis

In Deutschland leiden vier Millionen Menschen an Neurodermitis. Vielen helfen bislang nur Kortison-Präparate mit schweren Nebenwirkungen. Zwei neue Wirkstoffe, die in diesem Jahr zugelassen wurden, ermöglichen nun eine verträglichere Behandlung. Zudem arbeiten Forscher an Impfungen.

KÖLN. Neue Hoffnung für Neurodermitis-Patienten: Zwei Salben könnten ihre Leiden erheblich lindern - und zwar ohne schwere Nebenwirkungen, die gängige Kortison-Behandlungen häufig verursachen. Im April und August dieses Jahres sind das vom japanischen Pharmaunternehmen Fujisawa hergestellte Medikament Protopic und ein Elidel genanntes Präparat des schweizerischen Konzerns Novartis in Deutschland auf den Markt gekommen.

Protopic basiert auf dem Wirkstoff Tacrolimus. "Dieser schützt genauso gut vor Entzündungen wie Kortison, verursacht aber erheblich weniger Nebenwirkungen", sagt Dermatologe Martin Steinhoff von der Universitäts-Hautklinik in Münster. Steinhoff und sein Kollege Thomas Luger behandelten Patienten im Rahmen einer Studie und kamen zu viel versprechenden Ergebnissen: "Selbst nach zwölfmonatiger Anwendung traten keine schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen auf", sagt Steinhoff. Kortison dagegen führe oft zu Akne, roten Äderchen und einer dünnen Haut.

Tacrolimus ist keine Neuentdeckung. Der Wirkstoff wird schon seit einiger Zeit bei Organtransplantationen eingesetzt, um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden. Bei NeurodermitisKranken unterdrückt das Mittel das Immunsystem in der Haut und hält so die entzündungsfördernden Stoffe in Schach.

Weniger Nebenwirkungen

Ganz frei von Nebenwirkungen ist auch Tacrolimus nicht. Die Haut wird empfindlicher gegen UV-Strahlen, Patienten sollten deshalb intensive Sonnenbestrahlung während der Behandlung vermeiden. Wird die Salbe im Gesicht eingesetzt, klagen viele Patienten über ein Brennen. Für empfindliche Körperstellen und leichtere Formen der Neurodermitis eignet sich der verwandte Wirkstoff Pimecrolimus, den das Medikament Elidel enthält. Er wirkt zwar weniger stark als Tacrolimus, hat dafür aber auch geringere Nebenwirkungen.

Werden die Hautveränderungen mit Kortison-Salben behandelt, dann verschwindet der Juckreiz zwar in der Regel. Doch das Kortison verhindert auch die Kollagenproduktion. Dadurch wird die Haut dünn und weniger elastisch. Tacrolimus und Pimecrolimus greifen die Kollagenproduktion in der Haut dagegen nicht an.

Einen anderen Weg bei der Neurodermitis-Behandlung geht die Firma Texamed aus Gefrees bei Bayreuth. Sie stellt silberbeschichtete Fasern her, die durch den Kontakt mit der kranken Haut die Beschwerden lindern sollen. "Studien an den Universitätskliniken München und Kiel haben gezeigt, dass die Silberionen Bakterien angreifen und die Keimzahl auf der Haut deutlich reduzieren", sagt Texamed-Geschäftsführerin Tayyibe Smolik. Die verwebten Textilfasern seien flächendeckend mit Silber ummantelt - selbst nach 150-maligem Waschen hafte das Silber noch an den Fasern. Und die Kleidungsstücke wirkten durch den Silbereinsatz keineswegs wie eine Ritterrüstung, so Smolik: "Sie haben zwar einen anthraziten Farbton, fühlen sich aber an wie Seide."

Impfung härtet ab

Die Zahl der Neurodermitis-Patienten ist in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. "In Deutschland haben wir jetzt rund dreimal so viel Betroffene wie vor 30 Jahren", sagt der Dermatologe Steinhoff. Vor allem bei Kindern ist die Zahl der Neurodermitis-Erkrankungen stark gestiegen. Das könnte auch daran liegen, dass ihnen im Säuglingsalter Viren und Bakterien als Abhärtung für das Immunsystem fehlen.

Untersuchungen haben ergeben, dass bei Kindern, die auf Bauernhöfen groß werden, der Prozentsatz der Erkrankungen deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Forscher untersuchen deshalb, ob eine frühzeitige Impfung mit Mikroben oder Darmbazillen vor Neurodermitis schützen könnte. So haben Wissenschaftler der Universität im finnischen Turku schwangeren Frauen, die unter Neurodermitis leiden, regelmäßig Milchsäurebakterien verabreicht. Eine Vergleichsgruppe bekam ein keimfreies Scheinpräparat. Das Ergebnis: Nach zwei Jahren gab es unter den 64 mit Bakterien behandelten Kindern nur 15 Neurodermitis- Fälle, bei den 68 unbehandelten Kindern waren es 31 - die Impfung hatte das Risiko deutlich gesenkt. "Solche Ergebnisse sind interessant, müssen aber weiter belegt werden", dämpft Martin Steinhoff von der Uniklinik Münster überschwängliche Erwartungen.

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